Na gut, für sage und schreibe dreizehn Thesen zur aktuellen Spannungslage zwischen dem Theater und der Dramatik, die der Kritiker und Jury-Sprecher der Autorentheatertage Peter Michalzik aufblätterte, war es bei der Eröffnung des Festivals für Gegenwartsdramatik am Sonnabendnachmittag in der Tat zwanzig Grad zu warm im Deutschen Theater. Zumal er in den einleitenden Sätzen zugestand, dass die Erkenntnisse, die er seinem Missbehagen mit der zeitgenössischen Dramatik abzugewinnen versuchte, nicht besonders originell sein würden: Noch nie sei die literarische Form eines Dramas so unklar und frei wie heute. Das „Sprechen nach Vorlage“ habe an Bedeutung verloren und sei zu Film und Fernsehen abgewandert. Autoren seien Zulieferer des Theaters geworden, man solle ihre Stücke nicht einfach inszenieren, sondern mit ihnen spielen. Das sei alles nicht neu und finde auch schon statt, sei aber noch nicht richtig angekommen, sagt Michalzik, und die Luft im Saale wird knapp.

Schlecht gelauntes Blabla

Nicht knapp genug, um die Wut von DT-Schauspieler Ulrich Matthes zu ersticken. Matthes, der ebenfalls zur vierköpfigen Auswahljury gehört, greift als nächster zum Mikrofon und bezeichnet Michalziks Ausführungen als binsenweises, allgemeines, gedankenarmes, schlecht gelauntes Blabla. Dabei hätten sie doch viel Spaß bei der Jury-Arbeit gehabt! Man könne über dieses Spannungsverhältnis in der Tat nachdenken und sich auch darüber streiten ohne „eine Krise herbeizuquatschen“. Aber dazu müsse man sich Gedanken machen, und „in diesem Gehirn ist einfach nichts passiert“. Es gehe doch bei diesem Anlass erst einmal darum, die Autoren, „für die wir uns doch entschieden haben, Peter, zu würdigen und sie hochleben zu lassen!“

Vollgültige Uraufführungen

Es wäre schade, wenn die ATT-Eröffnungsfeier zur repräsentativen Abjubelei verkommen würde, gab sie doch in den letzten Jahren Gelegenheit für Nachdenklichkeit und Kritik. Der Theaterkritiker Till Briegleb, Juror des Vorjahres, hatte mit seiner Diagnose vom Fördersystem-Burnout und seinem „Innehalten“-Seufzer auch nicht gerade für gute Laune gesorgt, aber für eine Veränderung des Prozederes. Die Autorentheatertage präsentieren die ausgesuchten Stücke ab jetzt nicht mehr in einmaligen Werkstattinszenierungen, sondern sie erarbeiten mit kooperierenden Bühnen vollgültige Uraufführungen, die beim Festival Premiere feiern und dann in die Spielpläne übernommen werden. Dieser Schritt ins Risiko wird in diesem Jahr zu recht gefeiert.

Direkt nach dem Eröffnungseklat konnte man zwei der vier Uraufführungen erleben. Und da relativierte sich der hohe Anspruch ein wenig. „Dosenfleisch“ von Ferdinand Schmalz, eingerichtet von Carina Riedl für das Burgtheater fand zwar im großen DT-Saal statt, aber nur auf der Vorbühne, vor geschlossenem Eisernen Vorhang. Warum nicht − es ist ein Vierpersonenstück, das mit nicht viel mehr als mit Sprache arbeitet. Dies aber mit lustvoller Metaphern- und Kalauersuhlerei und mit großer Freude an der Selbstüberlistung. Und weil es sich um ein Autobahnstück handelt, ist die Sprache in regelmäßig pulsierende Rhythmen sortiert wie ein vorbei gleitender Leitstreifen oder wie ein blubbernder Motor. Die Regisseurin hat diesen Gedanken aufgenommen und die Percussionistin Katharina Ernst mit ihrem Schlagzeug in die Mitte gesetzt. Das wuppt.

Die Handlung ist recht krude, und hingebogen auf die mehrdeutige Metaphorik und den philosophischen Gehalt von Schlüsselbegriffen wie Verkehr, Unfall, Fleisch, Halten oder Schadensereignis, die Schmalz gründlich abklopft und gewinnbringend durchkaut. Die Figuren haben auf der Suche nach Intensität die vorgegebene Spur des Alltags verlassen. Bei dem Versicherungsvertreter musste freilich ein bisschen nachgeholfen werden. Um so lustvoller dann sein Todesschrei vor dem Hintergrund einer durchaus großbühnentauglich explodierenden Tankstelle.

Krise?

Auf der Suche nach Intensität und Echtheit sind auch die fünf Mittzwanziger aus Jan Friedrichs „Szenen der Freiheit“, die in der Box gezeigt wurden. Das Miteinander wird so explizit wie sauertöpfisch auf sexueller Ebene ausgehandelt − am Ende springt einer über die Klinge. Es gibt eine muttihafte Altruistin, einen narzisstischen Allesbeschläfer, einen komplexbeladenen Loser, einen karrieregeilen Schwulen und eine verbissene Lebenskünstlerin. Der regieführende Schauspieler Fabian Gerhardt hat für die Uraufführung fünf UdK-Schauspielstudenten unter Dampf gesetzt, die naiv genug sind, um zu glauben, solche Klischees mit ihrer Schauspielstudentenpersönlichkeit beglaubigen zu müssen. Krise? Hier wird noch ordentlich nach Vorlage gesprochen und gelitten.