Berlin - Wäre, hätte, könnte: In diesem Kulturjahr der Konjunktivsätze war die Leipziger Buchmesse erst vom März auf den Mai verschoben worden, um dann doch abgesagt zu werden. Aber die Bücher sind in der Welt, die Verlage wollen sie verkaufen, die Autoren möchten bemerkt werden, Preise gilt es auch zu verteilen. Vor allem sind ja die Leser noch da, die informiert und angestiftet werden wollen. Also versucht es die Messe mit einem Programm unter dem Titel „Leipzig liest extra“, das neben ein paar Veranstaltungen im Freien jede Menge Online-Lesungen und -Diskussionen bietet. Ein thematischer Schwerpunkt versucht, die Literaturen Südosteuropas zusammenzuführen, was ohne leibhaftige Begegnungen zwar möglich, aber auch recht traurig ist.

Grund zur Freude hat der britische Schriftsteller und Fotograf Johny Pitts, wenn er am Dienstag vor Ort den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Für sein Buch „Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa“ (Suhrkamp) begab er sich auf die Suche nach seiner postkolonialen Identität. In Berlin, Brüssel, Paris, Marseille oder Moskau hat er mit schwarzen Menschen gesprochen und beobachtet, wie vergiftete Denk- und Verhaltensmuster fortwirken. Wenn am Dienstag die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung an Pitts überreicht wird, wird auch der Preisträger von 2020 geehrt, László Földényi. Im vergangenen Jahr war die Messe so kurzfristig abgesagt worden, dass es keinerlei Rahmen gab, um ihn für sein Werk „Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften“ (Matthes & Seitz) öffentlich auszuzeichnen. Im Streaming-Kalender steht außerdem am kommenden Freitag ab 16 Uhr der Preis der Leipziger Buchmesse, bestimmt für je einen Titel in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung.

Empfehlungen und Schnitzeljagd

Doch in Berlin weht auch mächtig Wind durch die frisch gedruckten Seiten. Zu einem „Bücherfrühling“ für die kommenden Tage hat der Regionalverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seine Mitglieder angestachelt und die Berliner Zeitung sowie Radioeins als Partner gewonnen. Etliche Buchhandlungen weisen besonders auf Titel aus hiesigen Verlagen und von Berliner Autoren hin. Die Organisatoren formulieren enthusiastisch, es „erblühen Schaufenster“, die zu Spaziergängen von Buchhandlung zu Buchhandlungen einladen. Tatsächlich kann man in einer schnitzeljagdartigen Aktion sogar Bücher gewinnen, wenn man mehrere der teilnehmenden Läden aufsucht. Die dabei mit Stempel zu versehenden Lesezeichen bleiben die einzige Form von Papierverschwendung.

Die Empfehlungslisten, thematisch zusammengestellt „zum Abschalten und Loslassen“, „für Entdecker“, „für Kinder und Jugendliche“ sowie „Buchempfehlungen, die in andere Welten führen“ und „die Zusammenhänge aufzeigen“, existieren nur in digitaler Form. Das Wort „Listen“ passt nicht richtig, Minikataloge wäre besser, denn zu jedem aufgeführten Titel gibt es kleine Einführungen in Inhalt und Charakter aus Sicht der Verlage. Für die literaturkritische Einordnung einiger davon sorgen an diesem und dem darauffolgenden Sonntagabend die „Literaturagenten“ von Radioeins, auch mit Gästen aus unserer Redaktion. Rezensionen, Porträts und Interviews gibt es außerdem in Berliner Zeitung am Wochenende wie auch werktags.

Susanne Riedel hat mit Ingwertee gegoogelt

Nur ein paar Beispiele seien hier genannt: Der Aviva-Verlag führt am Pfingstsonntag einen Spaziergang durchs Hansaviertel anlässlich des Buchs „Patience geht vorüber“ von Margaret Goldsmith. Das ist eine Wiederentdeckung aus dem Jahr 1931, die Verlegerin Britta Jürgs spricht mit dem Herausgeber Eckhard Gruber. Für den Luxus der Live-Begegnung muss man sich anmelden unter info@aviva-verlag.de. Unbeschränkt auf YouTube wird zu erleben sein, wie Kristina Hauff ihren im Wendland angesiedelten Roman „Unter Wasser Nacht“ ebenfalls am Sonntag in der Buchhandlung Thaer vorstellt. Das ist ein Buch über das Leben nach einem schweren Einschnitt, über Entfremdung und Neuanfang. Ganz anders, nämlich leicht und trotzig, klingt es, wenn die Nicolaische Buchhandlung in Friedenau am Mittwoch den Zoom-Link für die Lesung von Susanne Riedel aus „Ich hab mit Ingwertee gegoogelt“ öffnet. Am Sonnabend danach, dem 29. Mai, gibt es wieder eine Live-Begegnung draußen, veranstaltet von Pankebuch im Garten Eden in Pankow. Der Verleger Sebastian Guggolz spricht mit dem Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke über Harry Martinsons „Schwärmer und Schnaken“. Alle Veranstaltungen lassen sich unter www.stadtlandbuch.de finden.

julsillus
Das Logo der Berliner Aktion.