Paul van Dyk am DJ-Pult.
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BerlinPaul van Dyk war – mal wieder – ein Vorreiter. Der 48-jährige Berliner, weltweit gebuchter DJ und Produzent elektronischer Musik, hat in den vergangenen Tagen zwei Konzerte in Berlin aufgenommen und gestreamt. Könnte sein, dass van Dyk damit eine Welle ausgelöst hat. Viele Berliner Clubs und Partyveranstalter haben nun ähnliches vor. Das Streamen von Konzerten und Partys bekommt in Zeiten eines Shutdowns einen neuen gesellschaftlichen Sinn und Zweck.

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Paul van Dyk: „Anfangs habe ich mich gesträubt“

Vorige Woche erwischte der Coronavirus Paul van Dyk mit einer vollen Breitseite. Nicht etwa weil er selbst oder einer seiner Nächsten infiziert wurde, sondern, weil der notorische Vielflieger nicht mehr so arbeiten konnte wie gewohnt. Der gebürtige Eisenhüttenstädter hatte für vergangenen Freitag einen Gig in Moskau. „Wenn ich nach Russland gereist wäre, hätte ich mich zwei Wochen in Quarantäne begeben müssen“, sagte er der Berliner Zeitung. Um das zu umgehen, der Club in Moskau aber ausverkauft war, entstand die Idee, das Konzert in Berlin aufzuführen, es aufzunehmen und live in Moskau auszustrahlen. Dazu wurde der Anomalie Club an der Storkower Straße in Friedrichshain gefunden.

„Anfangs habe ich mich gesträubt“, sagt van Dyk, am Ende ließ er sich überreden. Während er in Berlin performte, sah er das Publikum in Moskau mitgehen. „Das war schon seltsam“, erzählt van Dyk, „weil ich als Künstler sehr von dem unmittelbaren Zusammenspiel mit dem Publikum lebe, mitten im Geschehen bin.“ Doch ein Anfang war gemacht.

Berliner Clubs öffnen täglich ihre virtuellen Türen

Am Sonntag traf sich van Dyk erneut im Club Anomalie – diesmal mit dem Berliner DJ Chris Bekker. Das Konzert wurde via Facebook weltweit und kostenlos gestreamt. Nun sind weitere Stream-Konzerte geplant. „Es ist einfach so, dass ich in diesen trüben Zeiten den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern will“, sagt van Dyk.
Trübe Zeiten erleben alle Berliner Club- und Konzertveranstalter.

Nach Tagen des abgrundtiefen Pessimismus’ mit Untergangsszenarien für die gesamte Branche suchen jetzt viele den Weg hinaus. Am Mittwoch geht die gemeinsame Streamingplattform www.unitedwestream.berlin an den Start. In den kommenden Wochen werden Berliner Clubs in Zusammenarbeit mit ARTE concert täglich ihre virtuellen Türen öffnen und ein mehrstündiges Programm bieten. Die Clubcommission spricht vom „größten digitalen Club der Welt“.

Einnahmen gehen an soziale Härtefälle

Täglich ab 19 Uhr laufen Beiträge aus wechselnden Clubs online. Neben einer Live-Übertragung von DJ-Sets, Live-Musik und Performances wird die Plattform auch Gesprächsrunden, Vorträge und Filme rund um clubkulturelle Themen bieten.

Die Organisatoren bezwecken damit zweierlei. Erstens wollen sich die 9000 Mitarbeiter der Ausgehbranche nicht kampflos von einem Virus besiegen lassen. Zweitens stellt sich die Spendenplattform betterplace.org auf diesem Weg für eine Spendensammlung zur Verfügung. User können spenden und werden damit Teil des „virtuellen Clubs“, wie es heißt. Die Einnahmen der Streams fließen in eine Spendensammlung für soziale Härtefälle, mit denen unter der Quarantäne notleidende Clubs und Künstler unterstützt werden können.

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Jetzt laufen Konserven

Doch selbst das Streamen will erlernt werden. So spielte die Staatsoper noch vorigen Donnerstag ohne Publikum eine Vorstellung von „Carmen“ und ließ sie über den RBB im Internet verbreiten. Erst nach und nach wurde klar, dass es nicht ausreichen würde, das Publikum auszuschließen. Selbst die Musiker durften nicht mehr zusammenkommen.

Jetzt laufen Konserven. Auf der Seite www.staatsoper-berlin.de gibt es ab sofort ein täglich wechselndes Opern-Angebot. Am Dienstag war „Manon“ mit Anna Netrebko und Rolando Villazón, der Staatskapelle unter Daniel Barenboim sowie dem Staatsopernchor erlebbar, am Mittwoch wird „Tristan und Isolde“ gestreamt, am Donnerstag „Carmen“.

Kostenlos streamen

Für die Staatsoper ist Streaming seit langem Alltag. Schon vor längerer Zeit wurde die „Digital Concert Hall“ etabliert. Darin sind mehr als 600 Orchesterkonzerte aus über zehn Jahren zu erleben, darunter 15 Konzerte mit dem aktuellen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Das Digitalangebot wurde damals eingeführt, um der weltweiten Fangemeinde des Klangkörpers ein Angebot zu machen, für das man nicht eigens nach Berlin fliegen muss. Gegen Geld natürlich.

Nun, in Zeiten von Corona, verzichten die großzügig öffentlich subventionierten Philharmoniker auf diesen Obolus und streamen kostenlos.