Intendant Oliver Reese im leeren Zuschauersaal des Berliner Ensembles
Foto: Moritz Haase

BerlinSpielzeit- und Programmpressekonferenzen werden von den großen Berliner Sprechtheatern seit ein paar Jahren kaum noch abgehalten. Vielleicht mal zu Beginn einer Intendanz, aber das kommt ja eher selten vor, dass in der Stadt Intendanten neu anfangen. Claus Peymann nutzte diese Konferenzen, um sich zu feiern und seine Sicht auf die Weltlage sowie die patzende Konkurrenz auszubreiten, was unterhaltsamer war als vieles, was er sonst so an seinem Haus bot. Sein Nachfolger Oliver Reese experimentierte mit Pressefrühstücks und Künstlergesprächen, die dann im Nachhinein doch nicht ganz so exklusiv waren, wenn man am selben Tag in allen Berliner Zeitungen sein Gesicht sah.

In dieser Saison nun gibt ihm das Virus die Gelegenheit, aus hygienischen Gründen Einzelgespräche mit verlesenen Theaterberichterstattern abzuhalten. Es ist eine entspannte Begegnung, zu deren Beginn Intendant und Berichterstatter einander fröhlich vergewissern, dass sie auch ohne Corona-Regeln Abstand voneinander halten würden.

Aber kann mit diesen Regeln im Theater Freude aufkommen? Oliver Reese nimmt Anlauf: „Für meinen Geschmack wird gerade über Theater zu sehr wie über einen Zahnarztbesuch gesprochen. Ja, es wird das sogenannte Crowdmanagement geben, die Besucher werden zum Platz geleitet und müssen bis dahin eine Schutzmaske tragen, aber es gibt auch Pärchensitze. Ich will mir von dem allen nicht die Laune verderben lassen. Es ist doch toll, dass es endlich wieder losgeht. Wie das Publikum mit den neuen Regeln umgeht, wird sich noch zeigen, vielleicht ergeben sich neue Bräuche. Der Kontakt zum Schauspieler wird ja viel verbindlicher sein, wenn man so vereinzelt sitzt und auch von der Bühne viel sichtbarer ist. Man wird sich noch mehr wie ein König vorkommen, für den gespielt wird. Vielleicht grüßt man einander huldvoll im Saal.“

Dem Ensemble gehe es gut, sagt Reese, es bleibe nahezu unverändert. Er habe während des Lockdowns Eins-zu-eins-Spaziergänge mit fast allen Schauspielerinnen und Schauspielern gemacht. Sie wüssten ihre Verträge gerade sehr zu schätzen und seien sehr motiviert, da es nun weitergehe und sie genauer wüssten, worauf sie sich vorbereiten könnten, nachdem der Kontakt zum Publikum so plötzlich abgebrochen sei.

Das Theater am Schiffbauerdamm ist legendär eng bestuhlt. Vermutlich wird jede zweite Reihe ausgebaut, und es wird Doppelsitze geben, wie man sie aus dem Kino kennt, für Paare, die einander ohnehin schon angesteckt hätten. Auf diese Weise kommt ein Publikum aus ungefähr 200 Zuschauern unter, das wäre noch nicht einmal ein Drittel des üblichen Platzangebots.

Blick in den Zuschauersaal mit ausgebauten Sitzreihen.
Foto: Ingo Sawilla

Kein Grund zum Verzweifeln? Reese kommt gar nicht erst auf wirtschaftliche Probleme zu sprechen, sondern kann auch diesem Umstand Positives abgewinnen. So wäre das eine gute Gelegenheit, die ausgebauten Sitze und den Boden aufarbeiten zu lassen. Gut sei auch, dass das Berliner Ensemble noch nicht über eine dieser „fancy Klimaanlagen“ verfüge. Hier gebe es noch diese Klappen in der Decke, die man einfach öffnen und während einer Pause die Luft austauschen könne. Außerdem ermögliche der unterbrochene Proben- und Spielbetrieb eine zügigere Umsetzung der Bauarbeiten im Hof und an der Fassade des Neuen Hauses, die bis zum Beginn der nächsten Saison abgeschlossen sein werden.

Apropos Immobilie. Ob wohl nach dem Tod von Rolf Hochhuth, der über die nach seiner Mutter benannte Ilse-Holzapfel-Stiftung die Immobilie gekauft hat, auch etwas mehr Ordnung in die Besitzverhältnisse kommt? Der langfristige Mietvertrag läuft weiter und die vormals zugesicherte Sommerbespielung mit Hochhuths Klassiker „Der Stellvertreter“ ist vom Tisch, nachdem Reese Dieter Hallervorden und dem Schlossparktheater die Inszenierung von Philipp Tiedemann für einen Euro überlassen hat. Sicherlich wäre zu wünschen, dass die Stiftung das Theater dem Land verkauft.

Gut, aber was wird denn nun auf der Bühne passieren? Das gesamte Repertoire wurde auf Corona-Tauglichkeit gemustert. Regieassistenten listeten die problematischen Stellen auf. Manche Produktionen fielen so aus dem Rennen, andere können mit ein paar Anpassungen angesetzt werden. Vielleicht ein Kuss weniger hier, ein luftigeres Arrangement da. Das mache man auch bei Gastspielen so, wenn die Bedingungen an anderen Häusern dies forderten.

Und die Neuproduktionen werden unter Corona-Bedingungen entstehen. „Wir haben kein Projekt gestrichen, auch wenn wir einiges nach hinten schieben mussten.“ Die große Eröffnungsinszenierung mit zwanzig Schauspielern, angepeilten viereinhalb Stunden Spieldauer und zwei Pausen musste verschoben werden. Der Regisseur Luk Perceval will immerhin einen Online-Workshop ermöglichen. Reese, der seine Pläne bereits zweimal an die aktuellen Entwicklungen angepasst hatte, gestaltet sein Programm nun vernünftigerweise etwas luftiger. Es müsse möglich sein, eine Premiere mal um eine Woche zu verschieben. Schließlich könne es immer passieren, dass ein Team in Quarantäne müsse. Und ob es wohl mit Barrie Koskys für Januar 2021 angekündigter Neuinszenierung von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ hinhaut? Wir spielen mit ernstem Gesicht eine Stelle aus der Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens an: „Ja, mach nur einen Plan/ sei nur ein großes Licht!/ Und mach dann noch ’nen zweiten Plan/ gehn tun sie beide nicht.“

Aber nicht nur hinsichtlich der Durchführung eines Theaterabends wird das Virus Aufmerksamkeit abgreifen, auch inhaltlich verschiebt es den Blick. In Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“, mit dessen Adaption in der Inszenierung von Laura Linnenbaum das BE am 4. September die Saison eröffnen will, geht es um Migration, Flucht und den Krieg in Syrien, also um Themen, die von Corona verdrängt werden. Zugleich ergibt sich durch die Parallelmontage von Erzählsträngen nicht nur eine coronataugliche Dramaturgie, sondern auch eine Erzählung über den technischen Behelf bei sozialer Vereinzelung. Vielleicht erleichtern die eigenen Videotelefonieerfahrungen die Identifikation mit den von ihren Familien getrennten und nur über Smartphone verbundenen Flüchtenden.

Reeses eigene Regiearbeit, die Uraufführung von Ferdinand von Schirachs „Gott“ (Premiere am 10. September) passt auch in beiderlei Hinsicht. „Das ist so ein Stück, da schlägt sich niemand, küsst sich niemand. Es geht um die Abwägung von Individualrechten gegen die Forderungen der Gesellschaft, da hört man mit Corona im Hinterkopf jeden Satz ganz anders. Ohne dass man das zurechtbiegen müsste.“

Matja Koleznik wird im Oktober mit Henrik Ibsens „Gespenster“ folgen. Die slowenische Regisseurin hatte ziemliches Pech und konnte coronabedingt zwei Operninszenierungen im Frühling und im Herbst nicht verwirklichen. Die Pandemie, glaubt Reese, werde sich auch in der Inszenierung niederschlagen. Vielleicht sollte man doch noch schnell auf Ibsens „Volksfeind“ umsatteln, wo es um die wirtschaftlichen Folgen eines Hygieneproblems für einen Badeort geht und um den Versuch, es zu vertuschen? Aber das ist vielleicht zu journalistisch gedacht.

Im Neuen Haus gibt es zwei Premieren von jungen Regisseurinnen. „Bei uns inszenieren in der ersten Spielzeithälfte genau so viele Frauen wie Männer, aber wir sprechen nicht von Quote“, sagt Reese mit Blick auf die Paritätsdiskussion. Rieke Süsskow inszeniert im Oktober eine eigene Fassung von Euripides’ „Elektra“ und Christina Tscharyiski wird im November das neue Jelinek-Stück „Schwarzwasser“ auf die Bühne bringen.

Frank Castorfs Kästner-Inszenierung „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ hätte im März zur Premiere kommen sollen und wird nun im November nachgeholt. Nach der Einstellung des Probebetriebs habe man Castorf noch drei Leseproben ermöglicht, um ein wenig zu kürzen. Allerdings habe sich die Fassung im Laufe der Proben noch etwas verlängert. „Aber denken Sie dran“, so Reese ermutigend zum Kritiker, „Sie werden die Beine ausstrecken können und die vielleicht entspannteste Castorf-Inszenierung Ihrer Laufbahn erleben dürfen. Vielleicht bringen wir Ihnen sogar Getränke an den Platz.“