Berlin - Glotzt nicht so romantisch“. Das fällt mir ein, wenn ich an unsere letzten 18 Jahre denke. Das ist die Zeit, die mein schauspielender Mann Boris Jacoby am Berliner Ensemble verbracht haben wird. Danach, 2017, kommt ein neuer Intendant, Oliver Reese, und löst den bisherigen Intendanten Claus Peymann ab. Mein Mann ist nicht der Einzige, der gehen muss. Auch den anderen künstlerischen Kollegen wurde bisher kein wirksames Angebot gemacht. Ich gebe zu, nach all den Jahren habe ich nicht damit gerechnet und im ersten Augenblick keineswegs doof romantisch geglotzt.

Da war nur großes Unverständnis, viel Ärger, Wut; dann kam auch noch der Wirbel um die Volksbühne hinzu, wo die meisten Schauspieler ja wohl auch gehen werden. Irgendwann beim x-ten Verarbeitungsgespräch, beim zigsten Kantinengetränk jedoch habe ich verstanden, warum ich eigentlich sauer war. Anders als Politiker uns derzeit zu vermitteln versuchen, ist Kunst und vor allem Theater nicht nur ein Job. Es ist ein Leben mit einer erweiterten Familie. Wenn das Oberhaupt ausgetauscht wird, ist das ein starker Eingriff in die eigene Biografie. Man hat schlicht: starke Gefühle. Es ist ein Ritt über den Bodensee.

Endlich frei?

Die Vergangenheit kann man nicht mitnehmen. Leider. Aber wir haben zwei Söhne, die währenddessen geboren wurden, echte Theaterkinder, zumal mein Mann mehr bei der Arbeit als zu Hause war − ich hoffe, das gibt jetzt zumindest einen Lacher. Zum Lachen ist mir allerdings nicht zumute. Ich habe Angst. Mein Mann sagt: Alles wird gut.

Gleichzeitig schläft er schlecht. Tagsüber sagt er: Es ist wichtig, wie man geht. In gegenseitigem Respekt. Es kann eine Chance sein. Für all die Sachen, die man bisher immer ablehnen musste, aus Rücksicht auf das BE. Mal mitten am Tag im Café sitzen und eine rauchen. Als freie Künstlerin und Autorin weiß ich jedoch auch, dass man diese Zigarette oft genug mit leicht zittrigen Fingern raucht, weil ein Termin geplatzt ist oder man vergeblich darauf wartet, ob ein Bild verkauft ist oder ein Artikel abgenommen. Warten auf Godot.

Das Theater! Ich habe immer wieder versucht, keins zu machen. Wo andere sich wochenlang über ihr Brautkleid und die Tischordnung nachdenken, fand unsere wild gemischte Hochzeitsfeier in der Theaterkantine statt, weil Boris abends spielen musste und ich als Hochschwangere in kein konventionelles Kleid mehr passte. Romantik! Es war ein großartiger Moment, wie sich meine eher konservative Familie tapfer Schwitters Ursonate alias „Fümsböwätäzä“ gab und noch Jahre später davon schwärmte. Mit dabei waren viele tolle Kollegen, die heute den Bildschirm prägen. Hans Jochen Wagner, Nina Hoss, Fritzi Haberlandt...

Und dann die erste Geburt! Ich lag wie Kafkas Käfer ächzend in der heimischen Badewanne, mein Mann mit dem Telefon daneben, um minütlich an die Direktion weiterzugeben, ob das nun echte oder falsche Wehen sind oder ob mein Mann doch noch zu der abendlichen Probe kommen kann. Mit dem Erfolg, dass unser Erstgeborener nach zwei Stunden Pressen schon auf der Welt war und der frische Vater morgens auch gleich wieder proben konnte. Nebenbei: „Richard II“ läuft immer noch.

Kaum eine Premiere (49), bei der ich nicht war, bis heute bin ich die erste, die bang in die Zeitung nach Kritiken guckt und entscheidet, ob ich sie weitergebe oder nicht. Man mutiert zwangsläufig zur Spielerfrau, irgendwo zwischen Mutter Courage und Medea; ich erzähle das eigentlich alles nur, weil ich mich frage, ob ich dem Herrn Reese böse bin. Natürlich ist es in der Theaterpolitik gang und gäbe, dass beim Chefwechsel automatisch das eigene Ensemble (in dem Fall aus Frankfurt am Main) mitgenommen wird, was ja auch eine Familie geworden ist. Selbstverständlich wollen dann Regisseure auch noch ihre eigenen Leute mitbringen. Klar, und es gibt auch vom Senat aus nicht uferloses Kulturgeld, um ein altes, eingewachsenes Ensemble unbedingt erhalten zu müssen.

Trotz all diesen Wissens: Ich habe einfach nicht damit gerechnet. Als Spielerfrau finde ich meinen Mann ganz subjektiv großartig. Aber auch sonst weiß man um seine Qualität. Außerdem weiß er als künstlerischer Betriebsrat über das Innenleben seiner Kollegen Bescheid. Manchmal so gut, dass ich eifersüchtig wurde. Oft genug habe ich mir gewünscht, dass das aufhört. Immer Babysitter bezahlen, wenn ich abends mal auf eine Vernissage musste. Unvergessen der Augenblick, als ich endlich wieder im Atelier war und der Anruf aus der Kita kam: Wir fahren dann mal mit dem Notarzt ins Krankenhaus... und ich wieder auf der Matte stand. Der Einfachheit halber habe ich hie und da behauptet, mein Mann arbeite auf einer Bohrinsel. Oder als Raumfahrer.

Zerschlagenes Geschirr

Als angestellter Schauspieler hat man auf nur einen freien Tag im Jahr Anrecht: den Weihnachtsabend. Urlaub kann man nur im Theatersommer machen, während der Schulferien, wenn es besonders teuer ist. Am Anfang stand ich noch auf den Barrikaden, als das Angebot kam, auch im Sommer in Salzburg bei den Festspielen in einer Peymann-Produktion zu gastieren. Als mein Mann ablehnte, wurde ihm spontan gekündigt, woraufhin er seine halbvolle Tasse Milchkaffee Peymann vor die Füße schmiss. Kurz, unser Erstgeborener hat das Laufen in Salzburg gelernt.

Dafür ist man Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, wie sie sich nur in diesen seltsamen Schutzräumen, Kulturbiotopen entfaltet. Nie werde ich die Geburtstagsfeier von Leander Haussmann vergessen, wo wir spät nachts, sturzbetrunken, auf der Probebühne einen frühen Detlev Buck-Film in einer privaten Sichtung genossen haben: „Der Elefant vergisst nie“. Ein Sexy-Tale mit Natalia Wörner, das sie heute sicher nicht mehr drehen würde. Das alles wird sich ändern.

Schon in dieser letzten Spielzeit verlassen einige Akteure das sinkende Schiff. Ein bisschen Melancholie weht über die Bretter, aber auch Wut, dass davon nichts bleiben wird. Das wird man wohl anmerken dürfen, immerhin ist es das Theater von Brecht. Gerechtigkeit? Gutes Theater setzt immer große Emotionen frei. Am Ende spielt die Kapelle besonders kraftvoll. Man darf nicht zurück blicken. Schon gar nicht romantisch.