Szene mit Alexandos Koutsoulis, Lisette Holdack
Foto: Moritz Haase

BerlinMan muss sich doch immer wieder die Augen reiben, liest man Ray Bradburys siebzig Jahre alten Science-Fiction-Klassiker „Fahrenheit 451“ wieder.

Da dämmern die Stadtbewohner der glücklich sedierten Zukunftsgesellschaft in voll durchdigitalisierten Wohnungen vor sich hin, in denen im besten Fall gleich alle vier Wände jedes Zimmers aus Videoscreens bestehen, von denen rund um die Uhr interaktive Unterhaltungsserien plätschern, während sich eine Spezialfeuerwehr im Salamanderfahrzeug durch die Straßen schlängelt und mit gezielten Brandlegungen die Reste der störenden Papier-Kultur eliminiert.

Die Wohlfühlgesellschaft lässt sich durch 3D-Soaps fesseln, deren nie endende Geschichten und Figuren längst die eigene Familie ersetzten, während die Welt draußen in Blitzkriegen versinkt - und das alles völlig freiwillig. Virtual Reality nennt man diese schillernde Unterhaltungstechnik heute, die wie der Home-Assistent Alexa oder das Binge-Watching ganz selbstverständlich zum millionenfachen Alltag gehört.

Die Wandlung des Feuerwehrmanns

Anfang der 50er-Jahre hat es auch im Film-Mekka Los Angeles, wo Bradbury dieses so kulturpessimistische wie hellsichtige Szenario zur Romandystopie zuspitzte nur wenige funktionierende TV-Programme gegeben. Die aber reichten aus, das virulente Sucht- und Manipulationspotential sehr genau zu erkennen.

Heute in „Fahrenheit 451“ Aktualität zu finden, ist also nicht schwer. Und doch sieht man nun im Neuen Haus des Berliner Ensembles, wo der Regisseur Alexander Simon zusammen mit neun Ernst-Busch-Schauspielstudenten die Wandlung des Feuerwehrmanns Guy Montag vom offiziellen Bücherverbrenner zum subversiven Buchbewahrer auf die Bühne bringt, dass es trotzdem nicht leicht ist, Bradburys Befürchtungen mit dem Wissen von heute weiter zu denken.

Hochinteressant bleibt Bradburys Verständnis von Kultur, speziell von Büchern, die verstören müssen, nicht beruhigen. Aber schließt massenmediale Immersionstechnik kritisches Denken nur aus?

Aufgepumpte Stimmungen

Vor einer breiten Multifunktions-Rollwand (Bühne: Wiebke Bachmann), an der die Tore wie die einer Feuerwache rauf- und runter geschoben werden und zugleich als durchlässige Projektionsflächen der Wohnzimmer dienen, konzentrieren sich die neun Montags - von Szene zu Szene schlüpft ein anderer in seine Jedermann-Uniform - auf nur wenige düster beleuchtete Begegnungen: Truffauts Verfilmung (1966) gab dem Abend eher Vorlage, als der Roman. Doch sie alle sind seltsam lang gezogen.

Nicht, weil Montags langsames Suchen nach neuem Verstehen oder altem Gedächtnis besonders ausgearbeitet würde, sondern weil Simons seine jungen Spieler vor allem in Stimmungen zu versetzen sucht. Sie sollen unterdrückte Gefühle durch die Körper zucken lassen und nervöse Spannung produzieren, doch fühlen dabei alle zu lange und überzeichnen dabei zu sehr. Jeder kleine Monolog wird zum großen Mono-Gefühlsschwall aufgepumpt und kreist ziellos um sich selbst. Mehr miteinander wäre besser als allein.

BE, Neues Haus, wieder 13., 14., 27.1., 20 Uhr, Tel: 28408155