Zehn Jahr lang lebte Christian Clemens in Berlin und Köln auf der Straße. Heute steht der 29-Jährige, der „Psy“ genannt werden will, als Schauspieler auf der Bühne. Er spielt sich selbst im neuen Stück „Auf der Straße“, das gerade am Berliner Ensemble läuft.

Im Innenhof des Theaters sitzt Psy an diesem Nachmittag gemeinsam mit Regisseurin Karen Breece. Sie hat das Stück zusammen mit ihm und zwei weiteren Wohnungslosen inszeniert. Dafür recherchierte sie ein halbes Jahr lang. Sie ging auf die Straße, sprach den Menschen, die dort leben, über deren Situation. Darüber, wie es ist, am Rand zu leben, nicht wahrgenommen zu werden. Oder schlimmer noch: abgelehnt.

Psy, wie war das bei Ihnen? Hatten Sie auch solche Begegnungen?

Psy: Es gab schon Momente, in denen ich dachte, keiner sieht mich. Wir haben oft vor einem Laden Musik gemacht. Passanten haben von oben auf unsere Köpfe geguckt, mit einem Blick, der sagte: Du bist Dreck, du bist nichts, du stinkst.

Breece: Empathielosigkeit ist alltäglich geworden. Und es hat vielleicht auch mit der eigenen Berührungsangst vor diesem Fremden zu tun. Ist ja auch beängstigend, dass so etwas in einem der reichsten Länder der Welt überhaupt passieren kann.

In der Beschreibung des Stücks steht, dass Sie die Frage stellen wollen, warum Menschen, die Hilfe benötigen, sich selbst überlassen werden. Ist das in Deutschland wirklich so?

Breece: Wir sind immerhin noch ein Land, das ein Sozialsystem hat. Auch gibt es Organisationen, die sich für Wohnungslose einsetzen. Aber der Umgang mit Obdachlosigkeit und Armut ist improvisiert. Es fehlt an Streetworkern und überzeugenden Konzepten wie etwa dem „Housing first“-Ansatz, mit dem andere Länder sehr erfolgreich sind.

„Housing first“ meint, dass Obdachlosen Wohnungen bekommen ohne, dass der Schlafplatz an Bedingungen wie eine Therapie oder einen Entzug geknüpft ist. Auch in Berlin startet ein solches Pilotprojekt im Oktober.

Breece: Das ist eine wichtige Sache, die es Menschen ermöglicht, von der Straße wegzukommen – und aus gefestigtem Wohnumfeld ihre Probleme anzugehen. Mir haben Obdachlose immer wieder erzählt, dass man in Berlin von der Straße wegkommen kann, wenn man es wirklich will. Aber es gibt eben auch Menschen, die keine Kraft mehr haben, irgendetwas zu wollen.

Psy: Mein bester Freund wollte irgendwann nichts mehr. Ihm war alles egal. Wir lagen nebeneinander auf Platte. Ich habe zu ihm gesagt: ,Deck dich zu, es ist kalt.’ Er wollte nicht. Und am nächsten Morgen, als ich aufwachte, war er tot. Das war ein schwerer Schlag für mich.

Im Sommer kam es in Berlin erneut zu einem Brandanschlag auf zwei schlafende Obdachlose. Wie groß ist hier die Feindseligkeit gegenüber Menschen, die auf der Straße leben?

Breece: Ich glaube, Berlin ist vergleichsweise human. Obdachlose haben mir erzählt, in Berlin kannst du noch auf der Straße leben, die Leute geben noch Kleingeld. In anderen deutschen Städten sei die Anteilnahme gleich null.

Wie sind Sie überhaupt auf der Straße gelandet, Psy?

Psy: Ich bin ein Heimkind. Meine Mutter hat mich ständig angebrüllt und verprügelt, mit Löffeln oder Holzklocks. Ich spielte nur mit Dreck. Als ich sechs war, wollte ich auch mal ein richtiges Spielzeug haben – und habe eins im Kaufhaus geklaut. Polizisten brachten mich nach Hause und sahen die Zustände bei uns. Von dem Tag an kamen Mitarbeiter vom Jugendamt zu Besuch. Als ich acht war holten sie mich raus.

Wie ging es weiter?

Psy: Ich lebte in einem Kinderdorf in Nordrhein-Westfalen, dann in einem geschlossenen Heim in Rheinland-Pfalz. Die Erzieher waren dominant, sie schrien rum, wir wurden getrimmt – schlimmer als Zuhause. Mit 14 bin ich abgehauen.

Nach Berlin?

Psy: Nein, erst habe ich in der Nähe von Köln an einem Baggersee gelebt. Wir hatten eine Hütte gebaut, mit Zäunen und Zeltplanen. Irgendwann kam das Ordnungsamt und verscheuchte uns. Ich bin dann rumgezogen, lebte noch mal in verschiedenen Heimen und nahm immer schnell wieder Reißaus. Mit 18 las ich eine Zeitungsanzeige, die für einen Job 300 Euro pro Woche plus Unterkunft versprach. Ich hoffte auf ein neues Zuhause – und landete bei einer Drückerkolonne in Brandenburg. Ich sollte Stromverträge an alte Menschen verkaufen, von Anbietern, die es gar nicht gab. Dann bin ich nach Berlin und habe angefangen, richtig heftig Drogen zu nehmen. LSD, Ecstasy, Pilze, Stechapfel, Engelstrompete – alles außer Heroin.

Was ist das härteste am Leben auf der Straße?

Psy: Der Hunger.

Der Hunger? Lässt sich nicht immer irgendwie etwas zu Essen auftreiben?

Psy: Ja, schon. Aber der Hunger treibt einen vor sich her, er strukturiert den Tag. Alles, was man tut, wird von Hunger bestimmt. Manchmal kann man bei Burger King Essensreste vom Tablett klauen. Ich habe aber auch schon Maden gegessen.

Breece: Die Menschen erleben die Straße unterschiedlich. Für Rene Wallner, einen unserer anderen Darsteller, ist das schlimmste der Kampf um seine Platte. Er schläft seit vier Jahren in demselben geschützten Eingang in Mitte. Morgens wäscht er sich im Café gegenüber, fährt dann mit dem Rad in die Suppenküche. Abends sammelt er Flaschen. Wenn er zurückkommt und seine Platte besetzt ist, muss er um sie kämpfen. Allein die Angst, dass das passieren könnte, bereitet ihm Stress.

Wie unterscheiden sich die Geschichten von Not, die Sie während der Recherche gehört haben, Frau Breece?

Breece: Es sind nicht mehr nur Geschichten von den Ärmsten, sondern Wohnungslosigkeit bedroht auch die Mittelschicht. Nicht jeder, der wohnungslos ist, lebt auf der Straße. Es gibt auch junge Familien, die die Mieten nicht mehr bezahlen können und in Notunterkünften landen. Das Prekariat wächst.

Wie bringt das Stück diese Geschichten auf die Bühne?

Breece: Ich fokussiere mich auf unterschiedliche Schicksale. Auf der Bühne stehen Psy, das Heimkind, René Wallner, der Obdachlose, und Alexandra Zipperer, eine Hartz-IV-Empfängerin, der abzüglich aller Kosten nur 70 Euro monatlich zum Leben bleiben. Die Laien sind eingebettet in ihre Geschichten, durch den Abend führen aber Schauspieler. Die Profis schlüpfen in manchen Szenen in die Rollen der Betroffenen. Der Abend changiert zwischen Dokumentation und Fiktion.

Psy, wie kamen Sie zu Ihrer Rolle?

Psy: Ich mache gerade einen Berufsfreiwilligendienst bei Momo, einer Hilfsorganisation von jungen Leuten für Straßenkinder. Als Karen uns besuchte und fragte, wer Theater spielen wolle, sagte ich spontan zu.

Das klingt, als führten Sie mittlerweile wieder ein strukturiertes Leben.

Psy: Ja, stimmt. Als ich 25 war, ist es mir gelungen, von der Straße wegzukommen – weil ich Vater geworden bin. Mir wurde klar, dass ich für mein Kind eine Wohnung brauche. Zwei Monate ging ich durch einen Entzug, um die Drogen aus dem Körper zu kriegen. Heute lebe ich in Moabit in einer therapeutischen Wohngemeinschaft und bekomme Geld vom Amt. Mein Ziel ist es, irgendwann eine eigene Wohnung zu haben, eine Ausbildung zum Sozialassistenten zu machen und Erzieher zu werden.

Wie schaffst du es, bei Rückschlägen nicht in dein altes Muster zu fallen und Reißaus zu nehmen?

PSY: Ich will nicht noch mal in das Loch. Ich will nicht wieder anfangen, Drogen zu nehmen. Nie wieder. Das wird nicht passieren. Ich bin sicher.

„Auf der Straße“ am Berliner Ensemble, 20., 21. und 25.09, sowie 27. und 28.10.