In dem Jahr 1914, als der Erste Weltkrieg begann, wurde in Budapest ein Kind namens György geboren. Nach dem Zivilisationsbruch des Ersten folgt bald der des Zweiten Weltkriegs, das Kind aber wird man später als den sanftesten, menschenfreundlichsten Autor, Regisseur und vor allem Lebenskünstler George Tabori in Erinnerung halten. Das Kriegsjahrhundert und der Weltmensch Tabori könnten unähnlicher kaum sein und sind doch unlöslich verbunden. 1932 stand der Lehrling des Berliner Adlon noch ungläubig unter dem Balkon, auf dem sich der aufstrebende Antisemit Adolf Hitler zujubeln ließ. Wenig später muss er flüchten; sein Vater aber wird mit dem Großteil der Familie in Auschwitz ermordet.

Dass das Berliner Ensemble, an dem Tabori bis zu seinem Tod 2007 Hausautor war, dessen hundertsten Geburtstag nun mit einer Neuinszenierung seines schwärzesten, auch waghalsigsten Stücks „Die Kannibalen“ über eine groteske „Tischgesellschaft“ in eben jenem Mordlager begeht, ist beachtlich. Es hätte Leichteres gegeben. Philip Tiedemanns routinierte Inszenierung aber zeigt auch, wie ungehoben die Ungeheuerlichkeit und bleibende Herausforderung dieses halbbiografischen Zweiakters auch 45 Jahre nach seiner Uraufführung noch ist. Wie immer neu sie aber genommen werden müsste, denn die wachsende Entfernung zu den KZs macht deren Verstehen nicht leichter.

Nicht Pietät oder Sentimentalität, „kühle Neugier“ um das Schicksal seines Vaters trieb Tabori, das Stück nach Berichten Überlebender 1968 zu schreiben. Es handelt im Kern davon, wie elf ausgehungerte Häftlinge in Block 6 darüber streiten, ob sie ihren soeben verschiedenen Mithäftling Puffi zwecks eigenen Überlebens nun essen sollen oder nicht. Klingt grotesk, war aber Berichten zufolge durchaus real.

Einfach „real“ nimmt Tabori das Unfassbare dennoch nicht, sondern nähert sich ihm vorsichtig vielgestaltig: als Versuch von Nachgeborenen, sich einen Sabbatnachmittag lang in das Leben ihrer ausgemergelten, todesnahen Väter hineinzuspielen. Verstehen zu lernen, wie sie Menschen bleiben konnten in der Unmenschlichkeit. Was das überhaupt heißt: Menschsein im KZ? Wo war der Aufstand? klagt bald der junge Mediziner Klaub. Sich jeder Gewalt verweigern, unter Gänsen „einer Gans so unähnlich wie möglich bleiben“ antwortet darauf der „Onkel“, den Tabori seinem Vater Cornelius nachempfunden hat.

Im BE spielt Martin Seifert den Onkel mit Weichheit und Naivität. Ein gütiger Clown, dem der schneidige Klaub von Sabin Tambrea zusetzt. Dieses Duell ist das Überzeugendste der ansonsten oberflächlichen, peinlosen Alberei. Tabori aber schont seine Figuren vor keiner Peinlichkeit. Immer wieder vermischen sich die Zeitebenen, scheitert die Einfühlung der Nachgeborenen, gewinnt das Bewusstsein der Gegenwart. Es ist ein Suchen ebenso wie ein Kampf gegen sich selbst, den die Spieler ausfechten müssen, schamlos schamhaft in brutaler Offenheit, lächerlich ernst. Einfach ist am Abgrund der Verzweiflung nichts.

Die Kannibalen 31. März., 2., 5., 20. April, 19.30 Uhr, BE (Probebühne) T.: 28 40 81 55.