Die Meute und der Migrant (Peter Moltzen mit Blut im Gesicht)
Foto Matthias Horn

BerlinDieser Abend ist im doppelten Sinne aufschlussreich und erschütternd zugleich: zuerst einmal durch das, was man nicht auf der Bühne, sondern im Zuschauerraum registriert, nämlich dass das Publikum des Berliner Ensembles nach wie vor zu 99 Prozent wohlstandsbürgerlich und „biodeutsch“, also ohne nennenswerte Minderheiten- oder Migrationserfahrungen, sein muss. 

Denn kaum ein Mensch mit anderen als deutschen Wurzeln, der vielleicht in zweiter oder dritter Generation in dieser Stadt lebt, wird auch nur ansatzweise noch so viel Begeisterung für Rainer Werner Fassbinders gut gemeintem, aber doch tief im rassistischen Nachkriegsdeutschland stecken gebliebenem Holzschnittstück „Katzelmacher“ von 1968 aufbringen können, wie das Publikum am Premierenabend.

Projektionsfläche mit Schnäuzer

„Nix verstehen“, „fickificki nix“, „viele Arbeit, nix viel Geld“, aber „Fräulein schön“, das ist so der kommunikative Handlungsraum, den der „Gastarbeiter“ Jorgos bei Fassbinder wie Thalheimer ausfüllt. Ein „Griech aus Griechenland“, der eines Tages in der Münchner Vorstadt landet, wo er die frustrierte, von Missgunst, sexueller Gewalt und illusorischen Aufstiegsfantasien verhärmte Jugend aus der Lethargie scheucht, weil die nun plötzlich all das auf den „Fremden“ projizieren kann, woran sie selbst erstickt.

Im BE gibt sich Peter Moltzen mit gescheitelter Schwarzhaarperücke und Schnäuzer alle Mühe, diesen Fremden so naiv hölzern an die Rampe zu stellen, wie Fassbinder selbst das in seiner abstrakt experimentellen Verfilmung 1969 markierte. Während die gereizten Vorstadtburschen hinten in der Reihe sitzen und im Sackkratzen und Weiberbeschimpfen konkurrieren, wozu ihre Mädels nur servil glucksen.

Rein formale Annäherung

Das andere Denkwürdige dieses BE-Abends ist, dass er ein Mal mehr völlig überflüssig zementiert, was man den weißen, männlichen Herrschaftsdiskurs nennt − gerade und vor allem in seiner nur naiven, ironischen Zuspitzung, die Regisseur Michael Thalheimer hier zelebriert. Wie schon bei seiner Adaption von Karl Schönherrs Blut-und-Boden-Drama „Glaube und Heimat“, verfolgt auch dieser „Katzelmacher“ nur die rein formale Annäherung an eine überholte Vorlage, ohne auch nur einen Hauch von inhaltlicher oder zeitkritischer Reflexion geschweige denn Weiterentwicklung zu investieren.

Es stimmt zwar, die pure rassistische Gewalt ist gestern wie heute die gleiche, Jorgos liegt irgendwann zusammengeschlagen am Boden, und es ist ehrbar, dass die Schauspieler beim Schlussapplaus ihre weißen Rosen den Opfern von Hanau widmen.

Trotzdem macht es sich dieses Theater erschreckend einfach, wenn es glaubt, mit den dumpf satirischen Volkstheaterklischees dieses Stücks einen antirassistischen Beitrag zu leisten, ohne auch nur einen Hauch von Gegenrealität oder zumindest von Reflexion der eigenen theatralischen Gewalt mitschwingen zu lassen. Zumal die raffiniert verschleierten Radikalisierungsmechanismen heute mit Fassbinders Holzschnitttheater nicht mehr einzufangen sind.

Immerhin, wer Fassbinders Film mag, wird auf der Bühne von Nehle Balkhausen bis in die Frisuren und Gesten hinein die Originale wiederfinden. Statt auf dem Kellergitter vor einem Haus sitzt die gelangweilt gereizte Meute nur auf dem Absatz einer riesigen Betonwandöffnung, die das bedrückend Eingemauerte dieser deutschen Hoffnungsträger in den Hass auf sich selbst noch etwas mustergültiger zurückwirft.

Seehofer-Reflex

Während Fassbinder beim Filmen immerhin merkte, dass er für die Darstellung innerdeutschen Aggression den „Fremden“ gar nicht zentral braucht und ihn deshalb, anders als im Stück, zur Randfigur machte, hält Thalheimer eisern an Jorgos als Zentralproblem seiner Deutschmeute fest. Ein Seehofer-Reflex?

Einzige Eigenheit Thalheimers bleibt die Figur der verkappten Schlagersängerin Ingrid, die er quasi in Dauerpräsenz von der Seite her eisige Herz-Schmerz-Schnulzen einbrüllen lässt, die dem Kasperle-Rassismus nebenan den Takt schlagen. Eva Meckbach gibt dieser Ingrid eine psychedelisch abgedrehte Zombiegestalt, der man gern bald den Strom abdrehen würde. Einsam heraus sticht aus dem Ensemble der kaputten Menschen Bettina Hoppes zuckende Matrone Elisabeth, beneidete, bigotte Strippenzieherin im Hintergrund. Als einzige fällt sie nicht hinter ihr Original zurück, parodiert Irm Hermann vielmehr in feinsten Nuancen. Nein, es reicht nicht, den Namen Fassbinder einfach ins Programm zu kopieren, um Gegenwartskritik vorzutäuschen. Heraus kommt nur bräsiges Schulterklopfen des Establishments und die richtige Nahrung fürs Falsche.

Katzelmacher 27.2., 2., 13.3., 19.30 Uhr, Berliner Ensemble, T.: 28408155, berliner-ensemble.de