Berliner Festspiele: Der britische Künstler Ed Atkins entwirft die Installation „Old Food“

Am besten man stellt sich die Welt als ein riesiges Ineinander von Fresssystemen vor, um zu begreifen, was Ed Atkins im Martin-Gropius-Bau aufgebaut hat. „Old Food“ heißt die Ausstellung des 35-jährigen Briten, die der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender ein „Kammerspiel“ nennt.

Sie besticht durch 280 Garderobenmeter aus dem herrschaftlichen Fundus der Deutschen Oper sowie durch 89 Videomonitore, die mal einzeln, mal zu großen Bildschirmwänden verschweißt Großgesichter zeigen, die geleedicke Tränen weinen.

Es geht erschütternd und herzzerreißend zu in diesen Geschichtslandschaften, während die geduldig daneben hängenden Kostüme eine eher mottige Nüchternheit beisteuern. Von „Altem Essen“ in Ton, Bild oder Objekt ist, abgesehen von dem virtuellen Tränengelee, nichts zu entdecken. Und doch geht es zuallererst um diverse Nahrungsketten.

Ein kleiner Text des Künstlers an der Wand gibt Aufschluss: „Das Museum ist auf deinen Körper angewiesen“. Du bist „Das Kalzium der Institution“, die deine Anwesenheit braucht, weil sie „Schauen in Kapital konvertieren“ muss. Deshalb zieht sie dich auch nicht erst an der Eingangstür in ihren Körper hinein, sondern tat das längst mit zahllosen Bild- und Text-Ködern draußen in der Stadt.

Die Ausstellung füttert ihr Publikum nicht mit fertigen Bildern

Hier nun, mit Eintritt in ihre Säle, ihren „Magen und Verdauungstrakt“, kneten die Wände dich weiter durch. Das Museum hat also Hunger, es braucht mich für seine haushalterische Verdauung, die immer auch eine ästhetische ist. Doch haben wir alle hier ebenso Hunger auf Bilder.

Auch wir wollen uns das Bilderkapital des Museums einverleiben, was uns zwar nicht wie jenes ökonomisch bei Stange hält, dafür, so die Hoffnung, geistig. Im Grunde eine alte Rechnung, glaubt man, die Kapitalismus-Theoretiker in anderen Zusammenhängen gängig „win-win“ nennen.

Zu gewinnen aber gibt es in den fünf Atkins-Räumen erst einmal gar nichts. Ganz so einfach lässt sich sein „Old Food“ nicht aufrechnen und verzehren. Es verzehrt vor allem selbst, und zwar die Gewissheit und Verlässlichkeit der Augen. Denn das Herausfordernde dieser pathetisch-spröden Ausstellung ist, dass sie uns nicht mit fertigen Bildern füttert.

Vielmehr stellt sie all die natürlichen und künstlichen Zutaten der Bildschöpfung, ihre Hüllen und Herstellungsmechanismen samt Geschmacksverstärkern aus und kombiniert sie durch die Räume hindurch in ein Zusammenspiel aus Klang und Bewegung.

Eine fremde Realität tritt zutage

Der Schlüssel zu dieser rätselhaften Verschachtelung von computergenerierten und realen Räumen ist die Zeit. Zeit, die die seltsam tot gestellten Außen- und Innenräume auf den Bildschirmen erst ganz langsam zu Bildern werden lässt.

Neben den weinenden Gesichtern, die die Kamera in endlosen Loops umkreist, ist das ein altes, märchenhaftes Bauernhaus sowie ein aseptischer, weißer Innenraum, eine weiße Schachtel, die wie ein Labor aussieht und zugleich mit bühnenhaften Lichtspots ausgestattet ist. Man muss lange auf diese gespenstischen Interieurs schauen, bis plötzlich eine fremde Realität einbricht: ein Riesenbaby schlägt wie eine Abrissbirne in das morbide, Frankenstein’sche Bauernhaus ein.

Durch ein Wandloch wird ein mittelalterlich kostümierter Prinz in die Laborwelt katapultiert. Ein Zischen, ein Knall, ein Schock! Bald setzen sich die zwei Fremdlinge dann aber lieb ans Klavier und tippen melancholische Akkorde.

Es sind diese ruckartigen Einbrüche anderer Zeiten, anderer Wirklichkeitsschichten, die Kunst- und Weltverstehen braucht, indem sie es zerstören und neu zusammensetzen. Altes mit Neuem, Neues mit Altem durchkreuzen, PC-Oberflächen mit morbidem Stoff – möglicherweise kann das die in virtuelle Hyperrealitäten verführten Augen neu schärfen.

Was ist Realität? Was ist Fiktion?

Auch die Opernkostüme helfen dabei, die wie ein schlafender Textilienwald neben der Elektronik hängen. Es sind Kostüme von „Julius Cäsar“ bis „Don Carlos“ und darin nicht nur geschichtete Zeit, sondern zu Geschichte gewordene Fantasie, archiviertes Leben, ausdünstende Gesamtkunstwerke, die Welten verdichten.

Anders als in den perfekten PC-Oberflächen scheint in ihnen ein gelebter Unterschied zwischen Realität und Fiktion greifbar. Doch dann sieht man zwischen all den Screens und Stoffhüllen der künstlichen Welten hinaus durch die extra freigelegten Fenster des Martin-Gropius-Baus nach draußen und begreift noch ein bisschen besser, wie vertrackt das ist mit den Bildproduktionsmaschinen, den weißen Schachteln: man steht nicht nur in einer, sondern immer in vielen zugleich und ist noch selbst eine.

Es gilt, die vielen Gegenbewegungen, Durchkreuzungen von Realitäten zu begreifen, nicht sich ihnen auszuliefern. Süß, sauer und morbide schmeckt das: „Old Food“.