Berliner Festspiele: Der neue Intendant rahmt sich ein

Berlin - Zu den schlimmsten Verführungen für einen neuen Intendanten einer etablierten Institution gehört das Erneuern des Designs. Logo, Briefpapier, Plakate, Erkennungsmarke am Haus – alles muss neu gestaltet werden, damit der neue Hausherr seine Duftmarke in der ganzen Stadt setzen kann. Dieser Verführung erlag erstaunlicherweise auch der eigentlich intelligente Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, und noch erstaunlicher ist, dass es diesmal tatsächlich kein Fehler war.

Am Dienstag stellte Oberender seine neue Mannschaft vor, erste Überlegungen zum künftigen Programm und eben auch die neue Erkennungsmarke. Die kann simpler kaum sein. Es ist ein roter, rechteckiger Rahmen.
Die Festspiele wollen, so des Logos Sinn, den Rahmen bieten für die aktuellen Künste, und zwar vor allem für deren Fähigkeit, noch weitgehend unbegriffene gesellschaftliche Umbrüche zur Anschauung zu bringen. Bei diesem Anspruch ist es sinnvoll, wenigstens das Logo simpel zu halten. Oberender verspricht, für eine solche Chronik der laufenden Ereignisse „der Kunst die freieste Plattform zu geben, die in der Stadt vorhanden ist“. Er möchte das Haus in der Schaperstraße zu diesem

Zweck mehr für Berliner Künstler öffnen und es auch zwischen den Festivals zum Leuchten bringen. Leuchten heiße allerdings nicht glänzen, ergänzt rasch Christiane Kühl, neues Mitglied der Künstlerischen Leitung, in Anspielung auf den einst von Kulturministerin Christina Weiss angemahnten Glanz. Nicht, dass wir es uns hier zu gemütlich machen!

Keine regionalen Literatur-Schwerpunkte mehr

Bei der Idee des Rahmens bleibt Thomas Oberender, als er das Ziel erläutert, die einzelnen Festivals der Berliner Festspiele stärker aufeinander zu beziehen und das Zusammenspiel der unterschiedlichen künstlerischen Genres zu stärken. Der neue Leiter des Jazzfestes, Bert Noglik, verspricht den Jazz im Ensemble der anderen Künste zu zeigen, in Verschwisterungen mit Tanz, Film und, wie schon so oft, der Poesie.

Und auch das Internationale Literaturfestival will sich keine regionalen Schwerpunkte mehr setzen, sondern thematische; in diesem Jahr soll es um Literatur und Kunst gehen. Dabei ist man doch schon dankbar, wenn die Literatur mit sich allein zurecht kommt.

Deutliche Veränderungen gibt es bei der „Spielzeit Europa“, so deutliche, dass es keine „Spielzeit Europa“ mehr sein wird, wie Frie Leysen, bekannte Heldin des internationalen Theaterfestivalgeschäfts, erklärt. Einen neuen Namen hat sie allerdings noch nicht. Offiziell firmiert sie als „Künstlerische Leiterin Nachfolgefestival Spielzeit Europa“.

Veränderungen wird es sogar beim bewährten Theatertreffen geben. Es soll seine beiden Eigenschaften als Publikumsfestival und Fachmesse jeweils stärker akzentuieren – also mit Public Viewings und stärkerer „Durchmischung des Publikums“ noch populärer werden und gleichzeitig noch exklusiver als Branchentreff, Kontaktbörse und Kantine, wie die neue Chefin Yvonne Büdenhölzer ankündigt.

Es geht kulturnostalgisch los

Auch verlegerisch werden die Festspiele aktiv. Als „Edition 1“ einer neuen Reihe stellt Oberender ein Heft vor, das den Text „Großer Bahnhof“ von Hanns Zischler und Grafiken von Christiane Baumgartner enthält. Der Schauspieler und Schriftsteller liest selbst daraus vor.

Es geht kulturnostalgisch los mit einer Erinnerung an die alten Bahnhofskathedralen, die passende Bühnen für Ankunft und Abschied waren, Bühnen, von denen der Automobilist gar keine Ahnung haben könne, und auch der Bahnreisende von heute nicht, seit die Fenster nicht mehr zu öffnen seien. Der Text endet mit dem neuen Berliner Hauptbahnhof und seiner „Architektur der Erwartung“, vor der sich eine „Stadt auf dem Sprung“ zeige.

Leider ist es dem neuen Intendanten nicht ganz vergönnt, auch die Festspiele so auf dem Sprung zu zeigen, wie er es geplant hat , wird er doch von den materiellen Verhältnissen soeben rabiat auf den Boden der Tatsachen zurückgezwungen. Der Martin-Gropius-Bau, mit nur 2,6 Millionen Euro jährlich ausgestattet, schließt aufgrund finanzieller Sorgen künftig eine Stunde früher, um 19 Uhr.

Treuherzig erklärte Oberender seine eigene Entscheidung als fatal, erschwere sie doch gerade dem jüngeren, berufstätigen Publikum, das man erreichen wolle, den Zugang. Er kann es sich jedoch leisten, auf diese Weise mehr Anerkennung durch den Bund zu fordern, weil eines dem Martin-Gropius-Bau nicht vorzuwerfen ist: Misswirtschaft. 70 Prozent des Budgets erzielt das Ausstellungshaus mit Einnahmen selbst. Eine Traumquote, doch nicht einmal die reicht.