Berlin - Von außen sieht das Institut für Methode (IFM) aus wie ein übliches Berliner Jobcenter: funktional, modern und doch schon wieder veraltet. Ein Neubau aus den 1960er- oder 1970er-Jahren zwischen vielen ähnlichen Bauten im Ostteil Berlins. Als dieser Neustadtteil einst auf den Brachen des Kriegs entstand, war er nicht nur Wohnort, sondern Teil einer gesellschaftlichen Verheißung.

Nun ist dieses Überbleibsel, dessen genauer Standort hier nicht verraten werden darf, der „Narrative Space“ („erzählende Raum“) eines theatralischen Kunstprojekts, in dem man diese Vergangenheit mitdenken kann, vor allem aber eine Zukunft findet, die mancher Hüter des real existierenden Sozialismus kaum zu träumen wagte.

Fast komplett optimiert

Das IFM ist in der sehr realen, dystopischen Kunstwelt der Szenografin Mona el Gammal die diskrete, aber omnipotente Ordnungsmacht. In welchem Jahr wir uns befinden, wenn wir ihr Haus betreten, bleibt unklar, das dritte Jahrtausend ist zumindest fortgeschritten, und die technische Durchdringung der Menschen sowie ihre künstliche Optimierung weitgehend komplett.

Es herrschen die vier großen G’s: „Gesundheit, Gleichheit, Glück und Gänze“. Doch heißt weitgehend eben nicht vollständig, und genau hier ist das Schlupfloch, durch das der Besucher eintreten kann in die Huxley’sche Parallelwelt dieses IFM. Den Einlasscode zur Nachjustierung der vier G’s bekommt jeder mit einem Einzelttermin per Mail, doch sehr bald schon nach Eintritt merkt man, dass das Innenleben des IFM nicht ganz so spannungslos ist, wie behauptet.

Was ist immersive Kunst?

„Rhizomat“ heißt die unheimliche, herausfordernde Installation, mit der die Berliner Festspiele heute ihre neue, auf drei Jahre angelegte Forschungs- und Veranstaltungsreihe zum Thema „Immersion“ beginnen. Und tatsächlich könnte das Eröffnungsprojekt programmatischer kaum sein. Denn zwar erzählt dieses Institut, das Mona el Gammal nahezu perfekt als ein Raumlabyrinth aus totalitäter Ober- und verschwörerischer Unterwelt gebaut hat, selbst wenig − alles ist nur Spur. Doch ist es, als balanciere man mit jedem Schritt auf dem kunsttheoretischen Fragenetz, das die „Immersion“ selbst aufspannt. Ein theatrum philosophicum.

Was ist immersive Kunst? Es meint Kunst, in die Zuschauer eintauchen, sich versenken können. Neu ist das nicht, neu ist nur die Intensität dieses Eintauchens, das im Zeitalter perfekter Simulationstechniken und virtueller Bildwelten eben nicht mehr nur metaphorisch ist, sondern reale Erfahrung. Als Teil des Kunstwerks kann man sich auf keine distanzierte Zuschauergewissheit mehr zurückziehen, man muss selbst tätig werden und sich als Mittäter begreifen. So auch in „Rhizomat“, wo jeder Schritt ein Stück weiter aus der totalen Aufgehobenheit des IFM in die ungesicherte Untergrundwelt einer Widerstandsgruppe führt − sofern man sich traut.

Spuren gibt es Hunderte

Denn der Weg führt durch dunkle Schächte und verließartige Kammern, die zu betreten man zögert. Darf man hier durch? Kann ich das tun oder sprengt das den Rahmen? Auf der Suche durch das „Rhizomat“ wird man unversehens selbst zum Rhizom: zum quirligen Knollenspross, der alle nur möglichen Perspektiven einnimmt und Denkkanäle austreibt, um nicht verloren zu gehen. Welche und wie viele Kanäle das sind, hängt ganz vom Wissen und der Fantasie jedes Einzelnen ab.

Spuren gibt es Hunderte: Zettel über Zettel mit Zahlenkolonnen und Texten des Rhizom-Philosophen Gilles Deleuze, Pflanzen und Knollengewächse in Terrarien, Tierpräparate, bizarre Apparate, Tonaufnahmen mit rätselhaften Mitteilungen. So macht einen das Werk zu seinem Schöpfer, Objekt und Renegat zugleich. Immer auf des Kunstmessers Schneide zwischen totaler Freiheit und Ohnmacht. 

Das Feld ist besetzt

„Der Schlüssel sind Sie!“, heißt es gleich im Eingang des IFM. Ein Schlüsselsatz, der auch die Immersion selbst bestens umschreibt. Dass Intendant Thomas Oberender die theoretische und praktische Schwerpunktarbeit daran nun unter dem Dach der Berliner Festspiele konzentriert, ist ebenso spitzfindig wie weitsichtig.

Zur Kräftebündelung hat er im vergangenen Sommer bereits das Foreign Affairs Festival eingestellt, und bevor der Museumsmann Chris Dercon zusammen mit der Immersionskünstlerin Susanne Kennedy im nächsten Jahr die Volksbühne auf ähnlichen Kurs bringen kann, haben die Berliner Festspiele das wichtige kulturelle Feld bereits breit besetzt.

Dass viel Entwicklungspotenzial in dieser hoch interessanten Schnittstellenkunst steckt, zeigt schon der Eröffnungsparcours. So intensiv sinnlich das „Rhizomat“ ist, so abstrakt, geradezu leer bleibt es inhaltlich. Allen denkenden, kritischen Input muss der Besucher selbst mitbringen, tut er das nicht, bleibt es nur eine kleine Gruselstunde.

Hier muss eine zukünftige „Eintauch“-Forschung ansetzten. Wenn Kategorien wie echt-unecht, real-virtuell kaum mehr benennbar sind, wird die Frage nach den Grenzen und Freiheiten des handelnden Subjekts wichtiger denn je. Eine neue Wahrnehmungsästhetik und -kritik ist angesagt und schon im nächsten Monat wollen die Festspiele eine „Schule der Distanz“ dafür öffnen. Die Zukunft hat begonnen.