Berliner Festspiele: Totaltheater mit Vegard Vinge im Nationaltheater Reinickendorf

Das 12-Spartenhaus des Künstlerkollektivs um den Norweger Vegard Vinge und die Deutsche Ida Müller ist wieder da. Es heißt jetzt Nationaltheater Reinickendorf, wird nicht mehr von der Volksbühne, sondern von den Berliner Festspielen ausgehalten und ist in einer Werkhalle hinter einem Aldi-Logistikzentrum am Eichborndamm Pappstein für Pappstein wieder aufgebaut und um einige grandiose Räumlichkeiten erweitert worden.

Es gibt jetzt zum Beispiel noch ein lebensgroßes U-Boot und eine ebenfalls lebensgroße Vinge-Statue, die den Künstler in einer typischen Pose zeigt: auf dem Rücken liegend und sich in den Mund pinkelnd.

Vegard Vinge glaubt an Fußball

Überwältigend ist die „Panini-Kathedrale“ in der sämtliche Spieler der Fußballweltmeisterschaft 1982 von den berühmten Klebebildchen im A4-Format abgemalt wurden, dazu laufen auf kleinen Monitoren Spielaufzeichnungen. Allein dort hätte man gut die zwölf Stunden, die die Aufführung gedauert hat, zubringen können.

Was das mit den auf der Bühne vorrangig verhandelten Dramen zu tun hat, erschließt sich nicht gleich, aber was soll so eine Frage? Erst recht, nachdem Vinge sich in pathetischem Forte bekennt: „Ich habe mal an das Theater geglaubt. Heute glaube ich nur noch an den Fußball und an Gott.“

Fäkalien ins Publikum

Ob es wohl immer noch die Auseinandersetzung mit der Volksbühne ist, die ihn am Theater zweifeln lässt. Vor vier Jahren hatte er im Zuge seiner Performance nach Ibsens „Volksfeind“ sein Publikum mit selbst produzierten Fäkalien beworfen und den verantwortlichen Techniker mit einem Feuerlöscher besprüht und verletzt. Die erfolgte schriftliche Abmahnung des Intendanten Frank Castorf wurde dann zum Gegenstand weiterer Sauereien.

Die für mich gemeinste und für eventuelle Rachegelegenheiten frisch in Erinnerung gehaltene Provokation aber war, dass der Typ sein 12-Spartenhaus meist gar nicht erst öffnete, sondern nur Fenster- und Videoeinblicke gewährte. Es schien, dass er an die Grenzen des Bekömmlichen und Aushaltbaren gelangt war, das Haus schloss zur Sommerpause und öffnete nie wieder.

Keine Interviews, keine Homestorys

Was die Crew seit dem Auszug aus dem Prater getrieben hat und wohin wohl das selbst gebastelte, voll eingerichtete Theater verschwunden war, blieb seit vier Jahren ein anhaltend diskutiertes Small-Talk-Rätsel in der Szene. Es versteht sich von selbst, dass über persönliche und private Dinge strengstes Stillschweigen gewahrt wird, was auch kein Problem ist, weil Vinge und seine Leute stets mit Masken und verzerrten Stimmen auftreten und nicht wiedererkannt werden können. Keine Interviews, keine Porträts, keine Homestorys. Das soll uns recht sein, es gibt ja auch so schon genug zu erzählen.

Zu 18 Uhr wurde das Premierenpublikum zur Eröffnung des „Neuen Hauses“ geladen. Mit einer aufwendigen, aber auch unterhaltsam und weitgehend zuvorkommend moderierten Tombola werden im Foyer die Sitzplätze verteilt, ein paar Flaschen Sekt über dem Publikum verkippt, eine Eloge auf den Bezirk Reinickendorf wird„gesungen“ und auf das bevorstehende Ereignis eingestimmt, von dem nichts weiter bekannt ist, als dass es groß, sehr groß sein würde, und man darüber das Ausatmen nicht vergessen solle.

Biologisches Theater mit Kotmaschine

Die Theatermaschine läuft sich derweil mit rhythmischem Stampfen bereits warm und kann von außen in Augenschein genommen werden: Zahnräder drehen sich über einem „Biologischen Theater“, das mit einer „Kotmaschine“ ausgestattet ist, ein schwarz verhängter Eingang führt in einen „dramaturgischen Tunnel“.

Nach einem Feueralarm, Lampenfieberattacken, beunruhigenden Reparatur- oder Abrissgeräuschen aus dem bebenden Inneren und nach dem zwischenzeitlichen Abhandenkommen des Eingangs, wird um halb acht unter der Mahnung „Halten Sie sich an die Sitzordnung! Auch die mit den Stehplätzen!“ die Tür geöffnet.

Bitte Schutzanzüge anlegen

Und da ist es wieder, dieses verwunschene mehretagige Goldene-Schlüsselchen-Theater mit durchaus großzügigen Holzbänken, mit bespielbaren Seitenbalkonen und richtigem Vorhang, der allerdings noch ein Weilchen geschlossen bleibt. Durch die Mitte zieht sich ein mit „Die Unmöglichkeit“ beschrifteter Steg. Vorn gibt es sogar ein paar Bistrotischchen, an denen Speisen und Getränke serviert werden. Feinste Materialien wurden imitiert und verbaut: Marmor, Granit und Edelhölzer. „Welcome to the Pleasuredome“ und „Das Schauspiel sei die Schlinge“ steht über dem Portal. Vorerst letzte Durchsage: „Die Mitarbeiter legen bitte die Schutzanzüge an, wie es sich für Schutzanzüge gehört!“

Natürlich hat das eigentliche Spiel schon längst begonnen, als die erste Szene beginnt. Das Drama ist ja hier immer dafür da, das Theater vorzuführen, die Nöte, Dilemmata und nicht hinnehmbaren Grenzen der Kunst illustrativ zu offenbaren.

Weltbaumeister im Nationaltheater

Diesmal geht es weiter mit der Ibsen-Saga. Wir sind bei „Baumeister Solness“ angekommen, der ja gerade auch bei der letzten Vorstellung der Volksbühne lief, was viele Anspielungen ermöglicht – ganze Flure sind mit Skizzen, Bildern und selbstgemalten Plakaten verziert, auf denen Nazi- und andere Größen, Popkulturvertreter und nicht wenige Volksbühnenrecken in einen Weltbaumeister-Kampf ziehen.

Die verpuffende Hybris des Baumeisters, mithin des Künstlers, der seinen Zenit überschritten hat, sich in seiner Angst vor der anklopfenden Jugend mit jungen Frauen behilft und am Ende abstürzt, ist wie geschaffen für die Selbstreflexion eines Nationaltheaterimpresarios. Nicht wenig Raum erhält aber auch der kleine Ragnar Brovik, der die Schultern hochzieht und viel einstecken muss, bevor das Drama so gegen Mitternacht in Richtung Hamlet abbiegt und der junge Mann kurz vor vier den gesamten faulen dänischen Hofstaat und auch ein paar verbliebene Zuschauer mit Torten beschmeißt.

Ein paar Sauereien

Das Geschehen ist halbwegs stringent erzählt, auch wenn es, wie immer bei Vinge, in einzelne, liebevoll arrangierte Bilder zerhackt wird, in denen Figuren herumzucken und verzerrt asynchrone Textschleifen eingesprochen werden. Was nicht in den herrlichen barocken Kinderbühnenbildern geschieht – Wolkenhimmel, Wald, Burghof und eben schließlich die Kraterlandschaft – wird per Video aus den Nebengelassen übertragen, schwer zu sagen, ob das alles live ist. Da gibt es auch wieder Einiges an Splatter- und sonstigen Sauereien auszuhalten, zum Beispiel, wenn der Baumeister – wie um uns nicht zu enttäuschen – auf eine weiße Tischdecke defäkiert und den Haufen dann stückweise mit der Gabel in die Mundöffnung seiner Maske schiebt.

Vinge hat gute Laune

Die Bilder, die der auffallend wohlgelaunte und humorvolle Vinge live montiert und auch im Ablauf spontan verändert, bleiben bei der Premiere auf Abstand und gefangen – entweder auf der Leinwand oder im Bühnenrahmen. Die Nacht geht mit dem sehr langwierigen Auftritt eines übermächtigen Geist-Vaters zu Ende, der sich nur zeigen muss, um alles in eine Vulkanlandschaft zurückzuverwandeln. Um 5.45 Uhr ist auch die Schlusstombola geschafft, nach kurzem Applaus ohne Verbeugen torkeln die verbliebenen 30 Zuschauer hinaus ins Gewerbegebiet.

Anders als am Prater gibt es bis auf das bisschen Torte und Sekt keine großen Ausbrüche und Übergriffe. Allerdings ist der Abend so angelegt, dass sie sich je nach Laune und Stimmung spontan einbauen lassen. Es wäre auch schade, wenn Entwarnung gegeben werden müsste. So oder so sind die Tickets für die verbleibenden acht Vorstellungen, die alle Premieren sind, ausverkauft. Aber wir wissen nun, dass das Vinge-Total-Theater nicht verschwindet, sondern im Verborgenen brütet. Wir werden berichten.