Berlin„Die beste Entfernung für zwei Personen ist, ein Meter zwanzig zu suchen.“ Das ist jedoch kein Kommentar zur aktuellen Lage, sondern eine Gedichtzeile des 1975 gestorbenen Underground-Lyrikers Rolf Dieter Brinkmann. In dem Band „Westwärts“ heißt es weiter: „… und hier bin ich wieder, abgeschnallt“.

Der Galerist Bruno Brunnet hat diese Zeilen in seiner Galerie CFA (Contemporary Fine Arts) einer Ausstellung zu Rainer Werner Fassbinders 75. Geburtstag hinzugefügt. Diese Notiz trifft direkt ins Heute, so wie Fassbinders Schaffen immer wieder an die Ufer unserer Gegenwart schwappt. Das Werk eines Berserkers, der 1982 im Alter von nur 37 Jahren starb und über 40 Spielfilme, zwei TV-Serien und 24 Theaterstücke hinterlassen hat – verstörend, begeisternd und mitunter abstoßend.

Zu diesem obsessiven Schaffen und seiner kulturellen und politischen Gegenwart baut die mit zeitgenössischen Werken kuratierte Gruppenschau eine atmosphärisch-assoziative Verbindung. Ein „subjektiver Querschnitt“, wie Brunnet seine Auswahl von rund 30 Malereien, Plastiken und Collagen nennt. Im Fokus steht Fassbinders Film „Faustrecht der Freiheit“ von 1975. In plakativem Stil drehend, lässt Fassbinder darin aus überzeichneten Kontrasten eine neue Wirklichkeit entstehen – prall, direkt, schamlos und abseitig. Seine Wucht bezieht der Film aus der Figur des Franz Biberkopf in Fassbinder’scher Prägung. Brunnet verknüpft jene Szene, in der der arbeitslose Verlierertyp Franz am Kiosk seinen Lottoschein abgibt und von Kameramann Michael Ballhaus in einer gewagten Untersicht durch die Beine der Protagonisten gefilmt wurde, mit einem Textilbild von Cosima von Bonin. Das Motiv der Stoffcollage „Crude Cuisine (loop#1)“ von 2003 zeigt ähnlich gekappte Gestalten von unten. Hinweise auf Fassbinder als Kettenraucher gibt daneben von Bonins „Smoke“, eine aus Neonröhren geformte, qualmende Zigarette im Stil der Pop Art.

Angst, Abgründe und Exzesse

Fassbinders Getriebensein, das neben seinem Zigarettenkonsum von Drogen- und Alkoholmissbrauch begleitet war, sowie seine Stellung als radikaler Außenseiter bestätigen den Mythos des Künstlers als „das geniale Monster“. Dieses Klischee des einsamen Genies spiegelt sich in der Wand mit den Porträts großer, als kompromisslose Figuren dargestellter Künstler wider: Den jungen Auguste Rodin hat Norbert Schwontkowski schwarzgesichtig gemalt und Paul Gauguin wurde vom schottischen Maler Peter Doig 1983 mit Bleistift zu Papier gebracht. Der erklärte Fassbinder-Fan Doig hat zu Filmaufführungen in sein „StudioFilmClub“ eingeladen und dazu Plakate gemalt, etwa zu „Angst essen Seele auf“.

Angst, Abgründe und Exzesse – die selbstzerstörerische Seite des Künstlerseins findet sich in kaum jemandem so sehr wieder wie in dem Maler Martin Kippenberger. Von ihm öffnet eine Arbeit im Obergeschoss der Galerie eine Art Gegenblick zu jener hedonistisch überdrehten Entourage, deren Stimmen in unsere oft nur noch moralisierende Zeit wie ein Echo aus mythischer Ferne schallen. Das Bild eines Zeitungsausschnitts zeigt die ehemalige Bundespräsidentengattin Mildred Scheel beim Kaffeekränzchen mit Käsetorte und dem Ehepaar Zeirig, wie die ausführliche Bildunterschrift erläutert, die sich wie ein Kondensat aus der bundesrepublikanisch bleiernen Zeit liest. Kippenberger hat es auf das Format eines kleinen Historiengemäldes vergrößert und malerisch bearbeitet: „Der große Moment“ (1976–1986) wird so zum eingängigen Gesellschaftsporträt und in Kippenbergers Lesart zur Parodie der Verzweiflung an diesem Milieu.

Einige Werke hat Bruno Brunnet für die Schau in Auftrag gegeben.
Foto:
Matthias Kolb

Einige Werke hat Brunnet für die Schau in Auftrag gegeben. So hat Gregor Hildebrand ein sinnlich-objekthaftes Wandbild aus einem Regal voller Musikkassetten geschaffen, wie sie in den Siebzigern in vielen Zimmern hingen. Die Kassettenrücken zeigen die fragmentierte Fotografie mit der Sängerin Ingrid Caven. Wie diese war auch Irm Hermann künstlerische Muse des als mitunter „bekifften, schwulen Berserkers mit dem intellektuellen Touch“ beschimpften Filmemachers. Wolfgang Tillmans hat die im Mai verstorbene Mimin auf einem sehr nahbaren Großporträt im Jahr 2000 im roten T-Shirt festgehalten. So hängen die Musen nun einander gegenüber, stoisch lächelnd, während im Nebenraum eine Penis-reckende, Mann-Frau-hybride goldbronzene Skulptur von Sarah Lucas die Blicke auf sich zieht und das Spiel mit außergewöhnlichen Sexualitäten aufs Tapet bringt. Überhaupt sind es die Geschlechterrollen – „Faustrecht der Freiheit“ war seinerzeit der erste offen schwule Film –, die Fassbinder auch umtrieben. „Ich bin nicht bereit zu glauben, dass die Augen der Spiegel dessen sind, was man sieht“, heißt es am Ende von Brinkmanns Gedicht. Bei dieser mosaikhaften Schau kann man sich getrost diesen Zweifeln hingeben.

Galerie cfa, Grolmanstraße 32/33; Öffnungszeiten und weitere Hinweise unter: www.cfa-berlin.de