In Berlin unter die Ketzer geraten: Der Heilige Antonius in einer feinen Gummizelle, gebaut vom Künstler Michael Müller.
Foto: Galerie Thomas Schulte/Stefan Haehnel

Berlin- Mit Fünfzehn, in jener Zeit, in der andere Jungs rüpelige Pubertiere sind, tobte Michael Müller, geboren 1970 in Ingelheim am Rhein, seine Weltsuche und die nach sich selber bereits als Künstler aus. Mit 22 Jahren versuchte er es an der Kunstakademie Düsseldorf. Die gab ihm nichts. Er reiste nach Indien, suchte nach den Wurzeln seiner Vorfahren, landete in einem tibetischen Kloster.

Zurück in Europa, stützt sich die Kunst des bekennenden Skeptikers auf sprachliche, numerisch-mathematische oder auch auf stellare Systeme, inklusive eigener, also erfundener empirischer Grundlagen. Was Müller nun abermals in der Galerie Thomas Schulte aufgebaut hat, wirkt so exzentrisch wie ketzerisch, so lustvoll wie hintersinnig. Schon im Frühling 2013 begann hier sein Zyklus „Achtzehn Ausstellungen“; die Dauer der Darbietungen variierte zwischen mehreren Wochen und wenigen Stunden, manche fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Auch jetzt, im Herbst 2020, begegnen wir einem Künstler, der das Klassische hinterfragt und zugleich dreist benutzt – und dabei all unsere üblichen Sehgewohnheiten verstört. Ein Künstler, der Interpretationsmuster ungültig macht und erlernte Zugänge versperrt.

So hat der künstlerische Allrounder im prätentiösen Jugendstil-Corner Space der Galerie eine Art luxuriöse Gummizelle aufgebaut. Schallschluckende Schaustoffmatten in rosigem Beige dämpfen jeden Schritt, jeden Laut, jede Bewegung. Mittendrin eine historische Prozessionsfigur, ein Jüngling, der den Heiligen Antonius von Padua darstellt, Sinnbild des Einsiedlers und auch Märtyrer. Dem Kerlchen fehlt ein Arm, den hat Müller aus dem 3D-Drucker neu besorgt, der Unterkörper fehlt ebenfalls. Ihn ersetzt ein goldig schimmerndes Metallgestell, das wie ein steifer Rock wirkt und vom Künstler ironisch zum „Bastrock“ erklärt wurde.

Müller stellt Fragen, reißt Gedankengänge an, bringt Assoziationen in Fluss. Antworten gibt es keine. Auch nicht in den großen Gemälden, die schon rein farblich von starker, fast suggestiver informeller Qualität sind und die abstrakten Formen ins Dreidimensionale schicken. Mitunter malte Müller auch auf Glas – spiegelverkehrt. Sein Pinselduktus, die malerische Handschrift, bleibt auf diese Weise versteckt. Andere Arbeiten, die er „Schwierige Bilder“ nennt, sind unterschiedlich groß und aus verschiedenen Entstehungszeiten zueinander in Beziehung gesetzt. Die kleinen Formate sind wie Kommentare zu den großen.

Es ist, als konterkariere der Künstler sich gerne selbst, ein lustvoller Konzeptualist, dessen vielfältiges, umfassendes Oeuvre weder durch einfache noch durch hochtheoretische Interpretation entschlüsselt werden kann. In Kürze will Müller die Installationen entfernen, alles umhängen; dann kriegt die Schau den Titel „Ästhetisches Urteil und Selbstlosigkeit“. Und die Bilder hängen klassisch. In Reih und Glied.

Galerie Thomas Schulte, Charlottenstr. 24. Bis 31. Oktober, Di-Sa 12-18 Uhr