LED-Bildschirm, Video, Ballettstangen: das Werk „Peripheral Monday" in der Ausstellung „Dolorem Ipsum“ der in New York lebenden Georgierin Anna K.E..
Foto: Jens Ziehe/Galerie Barbara Thumm

Berlin - Georgische Mädchen sind die Augensterne ihrer Väter, die Söhne sind deren Stolz. In archaischen und armen Familien auf dem Land – außerhalb der modernen, liberalen Metropole – werden Mädchen oft noch traditionsgemäß als Teenager verheiratet, an Männer, die sie zuvor nie kennenlernen konnten. Um Akzeptanz zu finden, müssen sie Hausfrauen werden und schleunigst auch Mütter. Das Schicksal der georgischen Kinderbräute in diesem Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien ist ein Tabu, ein stillschweigend tolerierter Zustand.

Doch auch in georgischen Wohl- und Mittelstandsfamilien sind Töchter die Augensterne ihrer Väter. Zu Kinderbräuten machen die Patriarchen ihre schönen Mädchen nicht gerade; sie schicken sie lieber auf höhere Schulen und von klein auf in Ballettstudios. Schönsein ist Pflicht. Ballett ist Pflicht. Wegen der Anmut zierlicher Körper, die zu Tschaikowskis Schwanensee-Klängen klassisch wie im Bolschoi über die Bühne schweben. So führt der Weg nach oben, bei Hochtalentierten in die Sphären der Tanzkunst. Oder, wenn nicht, dann zumindest zu einem reichen Ehemann.

Anna K.E. war aufmüpfig und selbstbestimmt. Jetzt macht sie Kunst.

Anna K.E., geboren 1986 in Tiflis, wollte das beides nicht. Sie ist eine emanzipierte bildende Künstlerin, sie zeichnet virtuos, farbstark und fantasievoll konstruktivistisch, sie installiert Kunst und dreht Videos. Aber sie weiß, wie sich Ballettstangen anfühlen. Wie das ist, diese harte Übung des Strapazierens der Muskeln und Gelenke, der Schmerz beim Spitzentanz. Sie kennt sie, diese Sehnsucht nach draußen, wo die anderen Eis essen oder Süßigkeiten, während in der dürren Luft des Trainingssaales nur Wassertrinken erlaubt ist. Anna K.E. ist dem entronnen, aufmüpfig und selbstbestimmt. Durch Kunst. Sie hat das Weite gesucht, ging von Georgien nach Amerika. Auch in New York gibt es Ballettstangen und grazil tanzende Mädchen, die nichts Süßes naschen dürfen wegen ihrer heranwachsenden Figur. Und so bekam ihre Installation „Dolorem Ipsum“ übergreifende Bedeutung. Zu erleben ist sie in der Kreuzberger Galerie Barbara Thumm.

Wer letztes Jahr auf der Biennale Venedig den georgischen Pavillon besuchte, konnte dort Anna K.E.s überwältigende Multimedia-Installation betrachten. Jetzt setzt sie in Berlin nach, mit einem Selbstporträt in einer altarbildhaften 50-minütigen Video-Endlosschleife – mit Sound. Es erklingt ein Mozart’sches Klavierkonzert. Im Film tanzt Anna K.E. selbst, ein langbeiniges, dünnes, schwarzhaariges Mädchen. Wie Coppélia, die mechanische Puppe, die in der berühmten Sandmann-Erzählung von E.T.A. Hoffmann von ihrem Schöpfer Coppelius zum Leben erweckt wird und brav tanzt, so wie er es will.

Dann aber die kategorische Verweigerung: Anna K.E. reckt sich im Video auf, wie eine Riesin aus Gullivers Reisen, verpackt in einen unförmigen Watte-Mantel. Dieser bläht sich im Wasser und die Gestalt der jungen Frau wird unfähig, sich zu bewegen. Sie kann sich im Wasser nur spiegeln, doch der Narzissmus kippt ins Unheimliche. Von ihren Lippen tropft eine quecksilberartige Flüssigkeit, wie eine schimmernde Perle, die sich auf die Kameralinse zubewegt. Doch die Tröpfchen, die förmlich auf die Betrachter zustürzen, fallen mit einem lauten, erschreckenden Knall zu Boden. Ihr eigenes Bildnis sucht sie heim. Und sie zerstört es.

Rhythmische Trommelschläge sind zu hören, sie lenken den Blick auf die doppelte Ballettstange, die an den beiden Wänden des Galerieraums entlangführt. Ins Holz des zweifachen Handlaufs ist eine Schrift eingefräst, nicht lesbar. Es ist Blindtext, möglicherweise Ausdruck für Schweiß, Tränen, Schmerz, Verzicht. Denn die Schrift duftet verlockend und süß, wie ein Versprechen: Die Negativbuchstaben sind mit Marzipan gefüllt. Mit süßen Träumen von Ballettmädchen, die nicht naschen dürfen. Und die es, im übertragenen Sinn, nicht wagen, sich den tradierten Erwartungen zu widersetzen.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstraße 68, bis 10. Oktober, Do+Fr 12–18/Sa 13–19 Uhr und jederzeit nach Anmeldung: 030 28390347