Berlin - Diese Nachricht trifft Berlin völlig unerwartet. Die Deutsche Bank beendet Ende 2012 die Zusammenarbeit mit dem Guggenheim und schließt die Dependance des New Yorker Museums Unter den Linden. Man wolle die Präsenz in Berlin weiter ausbauen, erklärte das Geldinstitut gestern. Doch der Versuch misslingt, die schlechte Botschaft in etwas Positives einzukleiden. In der Hauptstadtniederlassung Unter den Linden soll künftig ein internationales „Forum für den Dialog zwischen Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft“ entstehen. Viele Konzerne unterhalten ja mittlerweile solch einen Society-Treffpunkt in der Hauptstadt, wo die immer gleichen Gäste vor dem meist immer gleichen Publikum auftreten. Nun also noch so eine Edel-Quasselbude. Bislang war der Beitrag der Deutschen Bank hier im Kulturleben ein anderer: das Schaufenster einer der bedeutendsten Sammlungen der klassischen Moderne, Ort einer Reihe sehenswerter Ausstellungen.

New Yorker Glamour oder Geschäftsinteressen?

Warum macht das die Deutsche Bank? Das fragten sich viele, als 1997 der Frankfurter Vorstand stolz die Berlin-Kollaboration mit dem Guggenheim verkündete. Warum unterstützte Deutschlands führende Bank in der Kapitale nicht eines der nicht minder bedeutenden, aber ungleich ärmeren Museen Berlins? Ging es den Bankern vor allem darum, etwas vom New Yorker Glamour zu erhaschen? Es war die Zeit, als auch halb Berlin danach gierte, ein zweites New York zu werden. Oder standen gar Geschäftsinteressen der Frankfurter Banker an der Wall Street im Vordergrund, für die der Kontakt zur obersten Etage des amerikanischen Kunst-Geld-Adels hilfreich war?

Hinzu kam der immer zweifelhafter werdende Ruf des damaligen Guggenheim-Direktors Thomas Krens. Er versuchte, wie eine Krake überall in der Welt Filialen zu installierte, für die Geldgeber vor Ort teuer zahlen mussten. Der „Guggenheim-Effekt“ verhieß den Kultur-Aufschwung durch eine spektakuläre Museumsarchitektur und den mythischen New Yorker Namen. Was Bilbao mit der exaltierten Guggenheim-Galerie Frank Gehrys gelang, erträumten sich nun Politiker in der ganzen Welt. Guggenheim stand aber auch für die gnadenlose Kommerzialisierung des Museums und die Popularisierung des Programms: Sensation vor Bildung und Qualität. Er habe die Ideale des Museums verraten, warfen viele Krens vor, bis seine gewagten Finanzierungen zusammenbrachen und er gehen musste.

In Berlin legte sich bald das Misstrauen, denn die Museumsfiliale erwies sich zunehmend als vitaler Kunstort, wo viele Ausstellungen stattfanden, die es in der Stadt anderswo so nicht gegeben hätte. Delaunay und Koons, Avantgarde-Künstlerinnen und die hierzulande noch nie gesehenen italienischen Pointilisten, die abstrakte Expressionistin Helen Frankenthaler oder eine spannende Schau über das Erhabene in der New York School, Malewitsch und Mapplethorpe – dies alles war in (meist) sorgfältig vorbereiteten Schauen zu erleben.

Gutes Gespür mit Auswahl der Künstler

Geschickt ließ die Deutsche Bank Schätze aus ihrer eigenen enormen Firmensammlung einfließen. So wurden 2001 die früh angekauften Papierarbeiten von Neo Rauch gezeigt; bis heute wartet der Maler auf seinen ersten Auftritt in einem öffentlichen Museum in Berlin. Auch sehenswerte Konvolute von Georg oder Imi Knoebel kamen aus dem Bankbesitz. Zudem vergab die Deutsche Bank jedes Jahr den Auftrag für ein monumentales Werk, darunter an James Rosenquist, Rachel Whiteread, Gerhard Richter oder Anish Kapoor. Das Publikum strömte, was auch an der zentralen Lage direkt am besten Touristenlaufsteg lag. Ein gutes Gespür bewies man der Auswahl jüngerer Künstler, dazu gehört die Marokkanerin Yto Barrada oder zuletzt der Pole Pawel Althamer.

Der Fünfjahresvertrag ist 2002 und 2007 verlängert worden; schon beim letzten Mal soll in der Bank die Liaison mit Guggenheim ernsthaft diskutiert worden sein. Über die wahren Gründe der Kündigung dringt nichts nach außen. Offenbar war die Alltagsarbeit mit den selbst- und machtbewussten New Yorkern nicht ganz einfach. Und sicher empfanden die Frankfurter die Rolle als Zahlmeister undankbar, während das Ausstellungshaus in der Öffentlichkeit zuallererst immer unter dem Logo von Guggenheim wahrgenommen wurde.

Sicher wird die Bank, das ist im Gespräch mit den Mitarbeitern herauszuhören, auch künftig in der Halle Kunst zeigen. Dazu verpflichtet schon die reiche Firmensammlung mit über 50.000 Werken.