BerlinFür den Journalisten und Buchautor Christian Y. Schmidt ist die Ignoranz ein Skandal – die Ignoranz gegenüber den durchschnittlich 350 Corona-Toten täglich, die in Krankenhäusern einsam sterben und in den Medien kein Gesicht bekommen. Sie blieben eine Statistik, die niemand öffentlich betrauert. Das sei bei Flugzeugabstürzen, nach Verkehrsunfällen oder Terrorattentaten anders – hier würde die Öffentlichkeit die Menschen hinter den Zahlen erkennen, findet der Autor. Das Virus bleibe als Gegner abstrakt. 

Deshalb hat der Schriftsteller zusammen mit der Künstlerin Veronika Radulovic eine Gedenkinitiative gegründet. Am Nikolaustag wurde erstmals deutschlandweit, unter anderem am Stierbrunnen am Arnswalder Platz in Berlin-Prenzlauer Berg, mit einer Spontanaktion der Corona-Toten gedacht. In der Einladung hieß es: „Seit Wochen sterben in Deutschland wieder jeden Tag Hunderte von Menschen an Covid-19. (...) Die deutsche Bevölkerung scheint merkwürdig unbetroffen, verglichen mit der Reaktion, als im Frühjahr ähnliche Zahlen aus Italien, Spanien oder dem Vereinigten Königreich gemeldet wurden. Seitdem auch bei uns in diesem Ausmaß an Covid-19 gestorben wird, begnügen sich die deutschen Medien mit einem kurzen Satz, wenn sie die Zahl der Toten überhaupt melden.“

Foto: Zentrale Intelligenz Agentur/Veranstalter
Etwa zwanzig Leute haben sich bis 18 Uhr an dem stillen Gedenken an die Covid-19-Toten am Arnswalder Platz in Berlin am 6. Dezember 2020 beteiligt. Organisiert hat die Andacht der Schriftsteller Christian Y. Schmidt.

Um dem Vergessen entgegenzuwirken und an die Dringlichkeit der Corona-Schutzmaßnahmen zu erinnern, haben die Initiatoren dazu eingeladen, für die Toten Grablichter aufzustellen – unter Einhaltung aller Verbote. Die Aktion fand ebenso in Frankfurt am Main und anderen Städten statt und soll regelmäßig wiederholt werden (das nächste Mal am kommenden Sonntag). Die Initiatoren weisen darauf hin, dass die Corona-Leugner in Deutschland medial stark präsent seien. Die Opfer und Befürworter härterer Schutzmaßnahmen bekämen hingegen wenig Aufmerksamkeit.