Die Kaiser-Platane in Berlin.
Foto: Eberhard Schröter

BerlinNun wachse ich hier schon seit 170 Jahren: mitten im heutigen Kulturforum, am Gehweg vor der Staatsbibliothek, schräg gegenüber der Philharmonie. Man nennt mich die Kaiser-Platane. Ich bin die letzte lebende Zeugin von Aufstieg und Fall des Berliner Tiergartenviertels.

Gepflanzt wurde ich 1850, keine fünfhundert Meter westlich vom Potsdamer Platz. Damals breitete sich hier noch eine ruhige Parklandschaft aus. Bis die Bauarbeiter kamen. Sie errichteten noble Villen und Mietshäuser und Straßen. Plötzlich störte ich, und sie wollten mich fällen. Doch kluge Leute beschützten mich. Danach fand ich mich auf einer Straßenkreuzung wieder, mitten auf dem leicht geschwungenen Schnittpunkt von Viktoriastraße und Margaretenstraße.

Die Viktoriastraße, die von Nord nach Süd verlief und anfangs mit „c“ geschrieben wurde, trug den Namen von Prinzessin Victoria. Sie war die älteste Tochter der britischen Queen Victoria und hatte 1858 den preußischen Kronprinz Friedrich Wilhelm geheiratet. Nach der jüngsten Tochter dieses Paares wurde 1874 dann die Margaretenstraße benannt. Sie verlief von West nach Ost und schrieb sich zunächst mit „th“.

Nach dem „Dreikaiserjahr“ war das Tiergartenviertel weitgehend vollendet

Als Kaiser Wilhelm 1888 starb, wurde der liberale Kronprinz zum Kaiser Friedrich III. gekrönt. Die Berliner erhoben mich gleich mit zur „Kaiser-Platane“. Doch Friedrich III. starb bereits nach 99 Tagen im Amt, und Wilhelm II. bestieg den Thron. Nach diesem „Dreikaiserjahr“ war das Tiergartenviertel um mich herum weitgehend vollendet.

Genau 50 Jahre später wurde ich Zeugin seines Untergangs. Hitler wollte Berlin zur Hauptstadt „Germania“ umbauen. Das Unternehmen begann im Tiergartenviertel. 1938 rückten die ersten Bagger an und rissen die südliche Viktoriastraße ab. An ihrer Stelle wurde das halbrunde „Haus des Fremdenverkehrs“ errichtet. Davor, wo heute die Staatsbibliothek steht, sollte der riesige „Runde Platz“ gebaut werden. Auch ich sollte fallen, ausgerechnet für eine „Soldatenhalle“. Dazu kam es aber nicht mehr, weil der Krieg begann. Es folgten Baustopp, alliierte Bomber und am Ende sowjetische Panzer. Das Tiergartenviertel versank in Schutt und Asche.

Grafik: BLZ/Galanty

Wie durch ein Wunder habe ich wieder einmal überlebt. Vor lauter Freude trieb ich im Frühjahr 1945 so viele Blätter wie möglich aus. So wurde ich zum Hoffnungsgrün inmitten der grauen Trümmerlandschaft. Die Berliner liebten mich umso mehr und ließen mich in den folgenden zwei Hungerwintern, als sie ihren Tiergarten verheizten, voller Erbarmen stehen. Danach überstand ich sogar die rigorose Enttrümmerung. Um 1961 wurde es noch einmal ernst. Nun störte ich bei der Verlegung der Potsdamer Straße und beim Bau der Entlastungsstraße. Wieder waren es beherzte Berliner, die mich retteten.

Und jetzt wird schon wieder gebuddelt. Dort drüben, neben der Matthäikirche, wo das Museum des 20. Jahrhunderts entstehen soll.

In Zeiten des Van-Gogh-Fälschungsskandals

Womit ich bei der Kunst angelangt wäre. Ich muss Ihnen doch unbedingt von diesem großen Van-Gogh-Fälschungsskandal erzählen, der sich um mich herum abspielte. Wenn ich heute nach Norden gucke, geht mein Blick zwischen goldener Philharmonie und blauer Sony-Glasfassade hindurch Richtung Reichstagskuppel. Früher sah ich die Viktoriastraße entlang zum Rolandbrunnen, der mitten im Kreisverkehr des Kemperplatzes plätscherte. Hundert Meter davor stand auf der rechten Seite das dreigeschossige Wohnhaus Viktoriastraße 35. Im Erdgeschoss ließ sich dort 1898 der Kunstsalon Cassirer nieder. 1912 ließ Paul Cassirer im Hof zusätzlich noch seinen Oberlichtsaal errichten: groß wie ein Tennisfeld und mit einer weit oben umlaufenden Fensterfront. Heute würde der Kunstsalon Cassirer mitten auf der Ben-Gurion-Straße stehen und seine Hausfront dem Musikinstrumenten-Museum zuwenden.

Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Paul Cassirer zehn große Van-Gogh-Ausstellungen gezeigt und den Niederländer damit in Deutschland populär gemacht. Anfang Januar 1926 jedoch schoss sich Cassirer beim Scheidungsanwalt eine Kugel in die Brust. Er starb wie sein Idol Vincent van Gogh.

Nur zwei Wochen später erschien der aufstrebende Kunsthändler Otto Wacker im Kunstsalon Cassirer, der nun von Grete Ring und Walter Feilchenfeldt fortgeführt wurde. Otto Wacker wollte ihnen ein bislang unbekanntes Van-Gogh-Gemälde verkaufen. Doch sie wiesen es zurück. Im Januar 1928 versuchte es Otto Wacker erneut. Dieses Mal reichte er gleich vier Werke für eine große Van-Gogh-Ausstellung ein. Doch auch diese Gemälde wurden ahnungsvoll abgelehnt.

In die Bellevuestraße zog die namhafte Galerie Thannhauser

Mehr Glück hatte Otto Wacker bei nahe gelegenen Kunsthändlern –in der Viktoriastraße 1 zum Beispiel, wo heute die Ben-Gurion-Straße auf die Tiergartenstraße trifft. Dort stand eine Villa mit Blick zum Kemperplatz, in der die Kunsthandlung M. Goldschmidt & Co. eine Filiale unterhielt. Im Februar 1928 waren dort neun Van-Gogh-Motive zu sehen, die allesamt von Otto Wacker stammten.

Hundert Meter weiter östlich, auf der linken Spitze des Lenné-Dreiecks, stand in der Bellevuestraße 10 früher eine rote Villa. Heute wölbt sich dort der Rasen des Henriette-Herz-Parks. Von 1923 bis 1930 aber betrieb dort Hugo Perls seine Galerie. Hugo Perls war der erste überhaupt, der von Otto Wacker Van-Gogh-Motive gekauft hatte. Mindestens dreizehn Stück. Nachdem die Gemälde 1928 der Fälschung verdächtigt worden waren, verdrückte sich Hugo Perls nach Paris und emigrierte später nach New York.

Pech hatte auch Franz Zatzenstein. Er war mit seiner Galerie Matthiesen 1927 in die Bellevuestraße 14 gezogen, schräg gegenüber von Hugo Perls. Heute wächst dort ein Birkenwäldchen an der gerundeten Glasfassade des Sony-Centers. Zatzenstein hatte von Wacker fünf gefälschte van Goghs gekauft. 1932, im Strafverfahren gegen Otto Wacker, dienten sie als Beweisstücke. 1933 emigrierte Franz Zatzenstein nach London.

Ins Nachbarhaus Bellevuestraße 13 zog 1928 die namhafte Galerie Thannhauser aus München. Auch Justin Thannhauser hatte 1927 ein Van-Gogh-Motiv von Otto Wacker gekauft, gab es jedoch wieder zurück. 1936 emigrierte Thannhauser nach Paris und 1940 weiter nach New York. In der Bellevuestraße 13 hatte 1859 bis 1863 auch Ferdinand Lassalle gelebt, einer der SPD-Gründerväter. Viel später dann, 1986 bis 1991, stand auf der Nachkriegsbrache die Endstation „Kemperplatz“ der Berliner Magnetbahn.

Otto Wackers Galerie befand sich in der Viktoriastraße 12

Jetzt verplaudere ich mich aber. Ich muss ja unbedingt noch von der südlichen Viktoriastraße erzählen. Von Süden her gesehen, gabelte sich die Potsdamer Straße einst über dem Landwehrkanal in zwei Brücken, die v-förmig auseinanderstrebten. Die linke führte in die Viktoriastraße Richtung Kemperplatz. Die rechte lenkte die Potsdamer Straße mitsamt ihren Alleebäumen und Straßenbahngleisen geradewegs zum Potsdamer Platz – bis Anfang der 1960er Jahre. Danach setzte Hans Scharoun seine Staatsbibliothek mitten auf die Straße. Die Potsdamer wurde nach Westen verschwenkt und autobahnähnlich ausgebaut. Die östlichen drei Fahrbahnen lagen nun auf der ehemaligen Viktoriastraße, die westlichen drei Fahrbahnen auf den ehemaligen Hausgrundstücken. Daneben errichtete Mies van der Rohe die Neue Nationalgalerie. Der Flachbau hatte eigentlich ein Verwaltungsgebäude des Rum-Herstellers Bacardi in Santiago de Cuba werden sollen. Es kam jedoch die kubanische Revolution dazwischen, und das Projekt landete in Westberlin. In den nächsten Jahren soll nördlich davon das Museum des 20. Jahrhunderts entstehen. Das führt mich zum Höhepunkt meiner Betrachtung: zu der Galerie von Otto Wacker.

Otto Wackers Galerie befand sich in der Viktoriastraße 12. Das bürgerliche Wohnhaus stand, aus heutiger Sicht, auf der westlichen Fahrbahn und dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße. Die Vorderfront mit dem Erdgeschosserker würde heute direkt auf den Eingang der Staatsbibliothek blicken. Die Rückfront hingegen stünde genau dort, wo in ein paar Jahren der Seiteneingang des Museums des 20. Jahrhunderts seine gewaltigen Schiebetore öffnen soll.

Die Viktoriastraße 12 gehörte zeitweise dem Hofarchitekten Ernst von Ihne. Er hatte unter anderem das heutige Bode-Museum und die Staatsbibliothek Unter den Linden entworfen. Nach seinem Tod 1917 richtete die Witwe im Erdgeschoss der Viktoriastraße 12 eine Kriegsblinden-Bibliothek ein. Zehn Jahre später mietete Otto Wacker die Etage darüber für seine Galerie.

Otto Wackers Höhenflug währte nicht lange

Die Eröffnung im Dezember 1927 war eine Sensation. Otto Wacker zeigte die erste große Ausstellung von Zeichnungen und Aquarellen Vincent van Goghs überhaupt. Dafür hatte er 120 Leihgaben zusammengetragen, unter anderem von Vincent Willem van Gogh, dem Neffen des Malers. Zum Ausstellungskomitee gehörten Autoritäten wie der Maler Max Liebermann, der Generaldirektor der Staatlichen Museen Wilhelm Waetzoldt, der Verfasser von van Goghs Werkverzeichnis Jacob-Baart de la Faille, der Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe sowie Paul Gachet, der Sohn jenes Doktors, den van Gogh so zauberhaft porträtiert hatte.

Doch Otto Wackers Höhenflug währte nicht lange. Ende November 1928 warf ihm die Vossische Zeitung vor, mit dreißig gefälschten Van-Gogh-Gemälden gehandelt zu haben. Mit dieser Enthüllung begann der größte Van-Gogh-Skandal, den es je gegeben hat.

Gern würde ich Ihnen mehr davon erzählen. Doch der Horizont eines Baums ist nun einmal begrenzt.  Auf jeden Fall würde ich mich sehr freuen, wenn Sie mich einmal besuchen würden. Mich, die Kaiser-Platane, die letzte lebende Zeugin von Aufstieg und Fall des alten Tiergartenviertels.

Eberhard Schröter ist Autor des Romans „Der tote Vincent malt und malt“.  Näheres unter www.der-tote-vincent.de