Der Pianist Martin Helmchen springt für Kollegen ein.
Foto: Giorgia Bertazzi

BerlinZu den langweiligsten Neuerscheinungen auf dem CD-Markt gehören Aufnahmen von Klaviermusik. Hier scheint nahezu jeder Ehrgeiz erstorben: Immer wieder neue Pianisten und vor allem Pianistinnen üben sich am immer alten Repertoire von Chopin bis Rachmaninow. Und stets wird man eine Aufnahme von Rachmaninow selbst, Rubinstein oder Argerich finden, die im Zweifel besser ist – woran man erkennt, dass die Aufnahme selbst früher eine Kunstform war und heute ein Werbeträger für Interpreten geworden ist.

Im Konzert sieht die Sache schon wieder anders aus, und deswegen ist das kleine, feine und privat finanzierte Berliner Klavierfestival seit 2011 eine erfrischende Angelegenheit: Hier wurde nicht auf einschlägige Namen gesetzt, sondern auf das Interessante, auch in den Programmen. Der Gründer und Intendant Barnaby Weiler ging sogar so weit, das Festival nicht stattfinden zu lassen, wenn er, wie 2018 aus Termingründen, nicht die Pianisten bekam, die er haben wollte.

Hätte das Berliner Klavierfestival in diesem Jahr stattfinden können, wäre es zwar bereits vorbei. Aber das Ersatzprogramm im Internet hat erst vor eineinhalb Wochen angefangen und geht noch bis zum 8. Juli: Werktäglich gibt auf der Website berliner-klavierfestival.de ein neues, eigens produziertes Stück: welches, wird allerdings erst am Vortag verraten, und was vorbei ist, ist vorbei – ganz vielleicht taucht es auf den Websites der Künstler noch einmal auf.

Es mag heikel sein, eine Sonate oder Suite in einzelnen Sätzen zugänglich zu machen – es gab ja mal eine Initiative namens „Das ganze Werk“, die sich gegen die Stückelung mehrsätziger Werke im öffentlich-rechtlichen Runfunk wandte –, aber das Klavierfestival schätzt damit realistisch ein, wie sich Menschen gegenüber dem Medium verhalten, nämlich ungeduldig, und das zu Recht. Sich für den Stream eines ganzen Konzerts zu Hause hinzusetzen – womöglich noch an den Rechner, an dem man sonst arbeitet –, leugnet ein kulturelles Bewusstsein, das sowohl am ereignishaften Hier und Jetzt als auch an Musik als öffentlicher Kundgabe hängt. Je weiter sich die Online-Wiedergabe von der Simulation eines Konzerts entfernt, umso besser.

Und so simuliert das Online-Angebot auch nicht das Festival. Zwar fanden die Aufnahmen im Kleinen Saal des Konzerthauses statt, in dem das Festival seit Gründung gastiert. Aber einige Künstler wie der Brite Paul Lewis sitzen in ihren Heimatländern fest, Martin Helmchen war ursprünglich nicht vorgesehen und springt nun ein, Zlata Chochieva spielt andere Werke als angesetzt, und auch Severin von Eckardstein versendet sein geplantes und ambitioniertes Nikolaj-Medtner-Programm nicht im Netz, sondern holt es im nächsten Jahr nach.