Wladimir Kaminer
Foto: Jan Kopetzky

BerlinDas Küssen außerhalb des eigenen Haushalts ist ja derzeit tabu. Trotzdem hat das BKA Theater unter dem Motto „Dornröschen wird wachgeküsst!“ sein Haus schon im Juli wieder eröffnet. Der Kookaburra Club und der Quatsch Comedy Club folgten. In dieser Woche starten weitere Kleinkunst-Theater in eine ganz besondere Saison. Im Mehringhoftheater holt Sarah Bosetti die Premiere ihres Programms „Ich habe nichts gegen Frauen, du Schlampe!“ nach. Im Pfefferberg-Theater spielt der Clown Housch-ma-Housch ein besonders coronataugliches Programm: Er spricht nicht! Horst Evers trägt im Wühlmäuse-Theater die Corona-Edition seines Programms „Früher war ich älter“ vor. Auch das Zebrano-Theater und die Stachelschweine öffnen demnächst.

Spielstätten & Termine

Mehringhoftheater: 19.8. Marc-Uwe Kling: Neues aus Qualityland, 20.–22.8. Sarah Bosetti: Ich habe nichts gegen Frauen, du Schlampe!
Pfefferberg-Theater: 20.–22.8. Housch-ma-Housch (Visual Comedy)
Wühlmäuse: 22./23.8. Horst Evers: Früher war ich älter – Corona-Edition
BKA Theater: 19.8. Wladimir Kaminer: Deutschland raucht auf dem Balkon, 20.8. Ralf König: 40 Jahre Nasenmalerei
Kookaburra: 20.8.–22.8. William Wahl (Klavierkabarett)

Dabei leiden die kleineren Bühnen besonders unter den rigiden Abstands- und Hygieneauflagen. Die bislang so charmante Intimität im Saal wird zum Nachteil, manche können oder könnten nur ein paar Dutzend Gäste aufnehmen. Eine Umfrage bei 19 Berliner Bühnen der Sparten Kabarett, Comedy und Varieté ergab: Mindestens fünf Häuser bleiben noch auf längere Zeit geschlossen. Das größte unter ihnen ist das Chamäleon. Das Varieté am Hackeschen Markt hat normalerweise 272 Plätze, dürfte unter den aktuellen Auflagen aber maximal 120 Tickets verkaufen. Doch dazu müssten alle Besucher in Viergruppen kommen, um die Tischchen voll zu besetzen. Muss das Haus darüber hinaus die ersten Reihen frei lassen, um den geforderten Abstand von sechs Metern zwischen Performer und Publikum zu gewährleisten, blieben 40–50 Plätze übrig – viel zu wenig, rechnet Geschäftsführer Hendrik Frobel vor und fordert eine Abschaffung der Abstandsregeln für Theater.

Geschlossen bleibt auch das Weddinger Prime Time Theater, das nur 40 seiner 230 Plätze belegen dürfte, derzeit aber wenigstens am Strandbad Plötzensee seine Besucher wachküssen kann. Auch die Ufa Fabrik kann sich auf ihr Open-Air-Theater stützen. Wiedereröffnen wird im September nur der große Theatersaal, die beiden kleineren Säle bleiben geschlossen. Die Abstandsregeln verhindern auch die Wiedereröffnung der kleinen Scheinbar: Hier werden schon die zu engen Garderoben für die Künstler zum Problem.

Die 14 befragten Bühnen, die schon wieder spielen oder in den nächsten Wochen öffnen wollen, verfügen insgesamt über 4200 Plätze. Davon dürfen nur 1300 belegt werden – also nicht mal ein Drittel. Bei der möglichen Auslastung gibt es große Unterschiede. So will die Bar jeder Vernunft 116 ihrer 234 Plätze vergeben, fast 50 Prozent, das Stachelschweine aber nur 70 von 330 – das sind nur gut 20 Prozent. Im Vorteil sind alle Häuser, die ihr Publikum an Tischen platzieren können und damit flexibler bleiben als Theater mit langen, engen Zuschauerreihen, wie bei den Wühlmäusen. Das Distel-Theater baut deshalb um: Hier wird jede zweite Sitzreihe ausgebaut, im Parkett werden Tische aufgestellt, sodass das Publikum künftig auch während der Vorstellung ein Gläschen Sekt trinken oder einen Snack knabbern kann. Das Kabarett-Haus, das ab Oktober über 125 von 422 Plätzen verfügt, hofft zugleich, dass die Abstandregeln bis dahin etwas aufgeweicht werden. Würde der Mindestabstand auf einen Meter reduziert, könnte das Haus bei voller Auslastung wenigstens kostendeckend spielen.

Der Wintergarten muss die Artisten auf Abstand halten

So sorgt Corona erst mal für mehr Beinfreiheit, das wird viele Gäste freuen. Auf Gastronomie kann kein privates Theater verzichten, das galt schon vor Corona. Einige, etwa das BKA Theater, das Tipi am Kanzleramt und die Bar jeder Vernunft, schließen ihre Bars, bedienen ausschließlich am Tisch. Doch nicht nur die Bestuhlung und die Gastronomie müssen coronafest gemacht werden, auch die Programme. Manche Häuser verzichten auf Pausen, um Kontakte des herumlaufenden Publikums einzuschränken, so die Distel, das Pfefferberg Theater oder die Wühlmäuse. Dazu müssen aber die Programme kürzer, dichter werden. Der Wintergarten sucht nach Lösungen, um die Artisten auf Abstand zu halten, will die Blasinstrumente hinter Plexiglas stecken. Kaum ein Kabarettist wird inhaltlich um das Thema herumkommen. Die Stachelschweine haben ein „Upload“ ihres Programms „Überall ist besser als nichts“ versprochen. Für die Vorpremiere griff Theaterchef Frank Lüdecke zu einem Lockmittel: Besucher werden bezahlt! Doch eigentlich müssten die Häuser die Preise erhöhen. Tipi und Bar jeder Vernunft, das Pfefferberg Theater und das Berliner Mundart Theater haben moderate Preiserhöhungen angekündigt.

Geld verdienen kann derzeit kein Haus

Einige Programme aber lassen sich mit den Hygieneauflagen gar nicht vereinbaren, etwa das gemeinsame Singen in der UFA Fabrik und der Auftritt größerer Ensembles. Wühlmäuse-Chef Dieter Hallervorden musste seine Vierertruppe auflösen, im BKA Theater kann das Musical „Zombies“ nicht gespielt werden, im Pfefferberg Theater darf nicht getanzt werden, auch auf der Bühne des Prime Time Theaters kämen sich die Schauspieler zu nahe. Das ideale Corona-Programm wäre wohl ein Solo-Pantomime (nur einmal Honorar, wenige Aerosole), der vor einem Haus voller durstiger Vierergruppen (viel Umsatz, maximale Auslastung) spielt.

Geld verdienen kann auf absehbare Zeit kein einziges Haus. Viele müssen ja erst mal die bereits bezahlten Tickets „abspielen“, und das bei einer Kapazität von einem knappen Drittel! Jede ausgefallene Show aus dem Frühjahr müsste also dreimal gespielt werden – wenn die Besucher denn kämen. Doch das Publikum findet nur zögerlich ins Theater zurück, wie das Kookaburra erfahren musste. Marga Bach, Chefin des Berliner Mundart Theaters, will zur Öffnung Mitte September vorsorglich Masken bereithalten, um ihrem reiferen Publikum einen Extra-Schutz anzubieten. Ihr Clou: Die Masken sind durchsichtig. „Denn ich muss doch beim Spielen in die Gesichter sehen!“ Andreas Wahl vom Mehringhoftheater fasst stellvertretend zusammen: „Im besten Fall können wir das Theater am Leben erhalten!“