Ein Chor probt gerade ein Stück ein (Symbolbild).
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BerlinEine Herzensangelegenheit ist das Chorsingen für den Kultursenator offensichtlich nicht. Nach dem überraschenden Totalverbot gemeinsamen Singens in geschlossenen Räumen Ende Juni schlug ihm Protest entgegen, der sich vereinzelt bis zum drohenden Untergang des Abendlandes verstieg. Etwa vier Wochen später traf sich Klaus Lederer mit Wissenschaftlern und Vertretern von Chor- und Musikverbänden und stellte in Aussicht, das Verbot aufzuheben. Einzelheiten dazu, wie denn coronakonform gesungen werden sollte, wurden in einer neuen Verordnung versprochen. Doch dann geschah wieder drei Wochen nichts.

Zu verstehen war das nicht: Es musste keinerlei Pionierarbeit geleistet werden, die vollkommen coronafreien Profichöre hatten bereits wieder mit striktesten Hygienekonzepten zu proben begonnen – in kleineren Gruppen, mit 20 Quadratmetern Raum um jeden Sänger –, in anderen Bundesländern war das Singen unter Auflagen wieder zulässig, lagen also die entsprechenden Konzepte vor, an denen man sich hätte orientieren können. In den letzten sieben Wochen war nach Ansicht eines namhaften Berliner Chorleiters diese Stadt der einzige Ort der Welt, in dem Chor- und damit auch der Gemeindegesang in den Kirchen verboten war. Wer singen wollte, musste sich im Freien treffen, aber das stellte sich aus akustischen Gründen als ähnlich unzureichend heraus wie die Proben über Zoom, mit denen man im März versucht hatte, den Chorbetrieb irgendwie aufrechtzuerhalten.

Schlecht gelauntes Zugeständnis

Wenn man das am Montag veröffentlichte „Hygienerahmenkonzept für Kultureinrichtungen im Land Berlin“ liest, hat man noch immer den Eindruck, dass es sich bei den entsprechenden Passagen um ein schlecht gelauntes Zugeständnis an quengelnde Sänger handelt. Vor allem der Lüftungstechnik wird viel Aufmerksamkeit zugewandt, und das ist vermutlich der große Unterschied zu älteren Konzepten anderer Bundesländer.

Im Gottesdienst ist das Singen mit Maske jetzt erlaubt, wenn es 15 Minuten nicht überschreitet, Lüftungsmöglichkeit besteht und die Decke mindestens dreieinhalb Meter hoch ist. Zwei Meter Abstand in alle Richtungen voneinander einzuhalten und auf Lücke zu sitzen, versteht sich nun mittlerweile nahezu von selbst, im Gottesdienst wie in der Chorprobe. Aber grundsätzlich sollten Chöre noch immer lieber draußen singen.

Wenn es denn drinnen sein muss, wird das Tragen der Mund-Nase-Bedeckung auch während des Singens „dringend empfohlen“. Wenn keine maschinelle Lüftung mit HEPA-Filter die Aerosole aus der Luft saugt, muss nach 30 Minuten Probe 15 Minuten lang quer- und stoßbelüftet werden, ohnehin müssen die Fenster die ganze Probe über zumindest gekippt sein; nach der Probe, die 60 Minuten Dauer nicht überschreiten darf, muss der Raum 30 Minuten gelüftet werden und darf dann zwei Stunden lang nicht betreten werden.

Das ist besser als nichts, gewiss. Dass mit diesen Anforderungen jedoch „alle wieder mit gutem Gefühl und Gewissen zur Chorprobe gehen“ können, wie der Chorleiter Ralf Sochaczewsky, im Landesmusikrat zuständig für Corgesang, sagt, scheint doch stark übertrieben. Man riskiert kein Bußgeld mehr. Aber kann man so wirklich effektiv arbeiten?

Wer es richtig machen will, muss zunächst die Leistung seiner Lüftungsmethode prüfen. Wie macht man das? Das Hygienerahmenkonzept erwähnt eine CO2-Ampel, ohne sie wirklich empfehlen zu können: „Sie eignet sich keinesfalls als verlässlicher Indikator für die Aerosol- und Virenlast im Raum.“ Und nun?

Chorauftritte eher unwahrscheinlich

Probenräume ohne maschinelle Lüftung – und die dürften für die meisten Gemeinde- und freien Chöre noch immer die Regel sein – benennt das Papier als Gefahr: „Die manuelle Fensterlüftung birgt das hohe Risiko, dass der Luftaustausch nicht verlässlich steuerbar und die Senkung der Virenlast nicht hinreichend kontrollierbar ist. Insbesondere bei Windstille und vergleichbaren Innen- und Außentemperaturen ist kaum ein Luftaustausch möglich, insbesondere wenn Querlüftung unmöglich ist.“ Man bekommt es mit der Angst und will hinter der Maske singen. Im Rundfunkchor hat man das ausprobiert – und gleich wieder verworfen, es „klang schrecklich“.

Selbst wenn man all diese mit gruseliger Liebe zum Detail dargestellten Anforderungen erfüllt, steht jeder Chor – das allerdings gilt bundesweit – vor dem Problem, wie man ein großbesetztes Werk einstudieren soll. Wenn jeder Chorsänger 13 Quadratmeter braucht, nehmen 20 Sänger bereist 260 Quadratmeter ein – und das ist keineswegs ein großer Chor. Wer diese bereits stattliche Fläche zur Verfügung hat und einen Chor mit 60 Mitgliedern, probt also dreimal pro Woche, wenn sich denn die zumeist auf einen Wochentag geeichten Sängerinnen und Sänger darauf einlassen können und der Raum so oft zur Verfügung steht. Dabei ist noch gar nicht die Rede davon, dass in 60 Minuten Probe nicht sehr viel geschafft wird, zumal ein Teil davon für das Einsingen draufgeht. Aber der Schrecken über diese Umstände wird gemildert dadurch, dass Chöre mit hundert Mitgliedern ohnehin nur noch in Flugzeughangars auftreten könnten.

Wie angedeutet: Diese Bürden stammen nicht spezifisch aus dem Berliner Hygienerahmenkonzept, sondern sind die allgemeinen Schwierigkeiten, unter denen Chorgesang in Zeiten von Covid-19 nun einmal leidet. Zur Zeit und mit diesem Konzept kann man mit den meisten Chören nicht auftreten, sie aber immerhin am Leben erhalten.