Berlin - Dieser Tage ist die Ratskeller-Galerie im Lichtenberger Rathaus ein kunterbuntes Kunst-Depot. Und das ist komplett geschenkt, gewidmet den „Kindern von Tschernobyl“. Galerieleiterin Silvia Eschrich, ihre Helfer vom Graphik-Collegium, die Freunde aus der evangelischen Galiläa-Samariterkirchgemeinde sowie der ehrenamtliche Auktionator Helmut Müller haben viel zu tun. Es ist „Einlieferungszeit“ für die Kunstauktion am 5. November: Berliner Künstlerinnen und Künstler mit bekannten Namen, ebenso Sammler und Kunstfreunde spenden, was ihnen lieb und wert ist und einem guten Zweck dienen wird – ihre Gabe will Freude schenken. Kindern, denen es nicht gut geht wegen der Folgen der Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986. Damals wurden deren Großeltern und Verwandte zu Opfern. Mütter, Väter und ihr Nachwuchs leiden bis heute an der Verstrahlung, Kinder kommen mit Behinderungen zur Welt.

Götz Drope
 Turteltaubenpaar von Götz Drope

Alle gespendeten Kunstwerke müssen registriert, nummeriert, geordnet und taxiert werden. Die Schätzpreise bewegen sich von 20 Euro aufwärts und selbstredend sind sie alle nach oben hin weit offen. Je höher der Ertrag, desto besser für das Ziel, so vielen bedürftigen Kindern wie möglich schöne Sommerferien zu schenken. Dass man so nebenbei auch noch originelle und wertvolle Weihnachtsgeschenke für den kleinen Geldbeutel ersteigern kann, ist seit Jahren bekannt. Viele Bieter kommen immer wieder, schon seit der ersten Auktion 1992. Wegen der Atmosphäre und der Freude am Geben. Nach „lieben“ sei „helfen“ das schönste Zeitwort der Welt, sagte Bertha Suttner, 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Und für Marcel Proust waren helfende Menschen „liebenswerte Gärtner, die unsere Seele zum Blühen bringen“.

Parabel einer menschengemachten Tragödie

Gemälde, Grafiken, Fotoarbeiten stehen gerahmt längs der Galerie-Wände, Grafik-Mappen stapeln sich. Unter den Folien sind Formen zu erkennen: Bildnisse, Figuren real und abstrahiert, Landschaften, Naturmotive von Pflanzen und Tieren, Alltagsdinge. So die herrlich surrealen Streichholzschachteln des Grafikers Manfred Butzmann, eine faustische Szene von Nuria Quevedo, ein Turteltaubenpaar vorm Kirchenfenster von Götz Drope.  Oder die Ostseestrand-Motive des Malerpaares Fretwurst-Colberg.

Ganz unmittelbar zu tun mit der so verheerenden wie folgenschweren Reaktor-Explosion hat der erschöpft in einem tiefrot ausgeschlagenen Sessel inszenierte „Bioroboter“ des Fotokünstlers Andreas Mühe. Der berühmte Berliner schuf letztes Jahr eine aufsehenerregende theatralische Serie der „Helden von Tschernobyl“, jener zahllosen Männer, die sich ohne richtige Schutzkleidung und mit untauglichen Werkzeugen opferten, um den Reaktorbrand zu löschen und den kontaminierten Schutt des Reaktor-4-Blocks zu räumen. In Tschernobyl und weiter Umgebung ist die Erde bis heute kontaminiert. Die Ersthelfer aber, wie auch die von Fukushima 2011, sind nicht mehr am Leben. Mühes Foto-Zyklus ist die Parabel einer menschengemachten Tragödie. Sein für die Auktion gespendetes Motiv war im November 2020 das Altarbild in der St.-Matthäus-Kirche am Kulturforum.

VG Bildkunst Bonn 2020 /Linde Kauert
Linde Kauert: „Der rote Faden“, Aquatintaradierung, 2020

Am kommenden Montag beginnt in der rk-Galerie die Vorbesichtigung. Es ist die inzwischen 24. Auktion. Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) ist abermals nicht nur Hausherr und Gastgeber, sondern Schirmherr der Benefiz-Auktion. Bei der letzten Versteigerung, die noch vor der Corona-Pandemie möglich war, kamen mehr als 7000 Euro zusammen und die Gesamtbilanz dieser  großartigen Initiative von Kirche und nicht religiösen Bürgern im Berliner Osten beträgt beachtliche 87.000 Euro. Damit wurde schon vielen Kindern aus radioaktiv verseuchten Regionen um Tschernobyl Gutes getan, egal, welchem ehemaligen Staat der damaligen Sowjetunion sie heute angehören. Für den Sommer 2022 werden Kinder aus Gomel eingeladen, einer von der Katastrophe und den Langzeitfolgen schwer betroffenen Stadt in Belarus, dicht an der Grenze zur Ukraine.

rk-Galerie im Lichtenberger Rathaus, Möllendorffstr. 6, Vorbesichtigung 1. bis 3. November, jeweils 10–18 Uhr. Auktion  Freitag, 5. November, 19 Uhr, Nachverkauf am 17. November 10–18 Uhr in der Galerie, Tel.: (030) 90 29 63 712