Salah Naoura hat Glück. Sein Cover, auf dem im Wort „Star“ aus Leuchtbuchstaben das A durch einen Jungen geformt ist, wird gelobt. Aber Ulrike Schrimpf muss einstecken, dass ihr Buch „Zara – alles neu“ mit der Heldin auf dem Titel nicht so sehr zum Lesen reizt. „Ich hatte erst gedacht, das ist ein Mädchenbuch“, sagt Leonie. Vorlesend merken aber beide Autoren, wie die Zuhörer mitgehen, lachen, staunen. Naoura und Schrimpf sind zu Gast beim 11.Literaturfest der Berliner Literaturinitiative am Sonnabend in Steglitz. Und aus dem Publikum meldet sich ein zartes Stimmchen mit der Frage: „Was ist ein Cover?“ Denn Leonie und die drei Jungen, 15 und 16 Jahre alt, die neben den Autoren auf der Bühne sitzen, reden routiniert über Plot, Protagonisten und eben Cover.

Vom Club zur Bewegung

Die Schwarzsche Villa ist voll, in den beiden Veranstaltungssälen drängt sich das Publikum, auf der Treppe und im Raum mit der Bücher-Tombola auch. Jedem, der sich Sorgen macht um die Zukunft des Lesens und der Bücher, sei ein Besuch bei diesem Fest angeraten. Man verlässt es mit dem Eindruck, dass es für Kinder kaum etwas Wichtigeres gibt. Von 12.30 Uhr bis in den Abend sah man nicht nur Autoren in der Begegnung mit ihren Lesern zwischen 5 und 17 Jahren, zu erleben waren auch viele Kinder und Jugendliche, die Bücher vorstellten.

Die Berliner Literaturinitiative (LIN) ist aus einem Leseclub hervorgegangen und hat sich zu einer Bewegung entwickelt. In Grundschulen und Gymnasien bietet sie Lesezirkel an, organisiert Treffen mit Autoren, verbindet Schüler als Testleser mit Verlagen, reist mit Gruppen zu den Buchmessen, neuerdings sogar an literarische Schauplätze wie Venedig oder London und veranstaltet einmal im Jahr ein Fest. Birgit Murke, die Koordinatorin der LIN, sagt, dass in den vergangenen Monaten Autorennamen gesammelt wurden und daraus das Programm entstand.

So las die wunderbar witzige Sabine Ludwig über „Miss Braitwhistle“, eine Lehrerin mit Mary-Poppins-Qualitäten. So verzauberte Salah Naoura mit seinem „Star“, einem Jungen, dessen Alltag durch einen Fernsehauftritt durcheinander gerät. So zitierte Ulrike Schrimpfs „Zara“ in größter Wut ein paar Zeilen von Peter Fox, um dann wieder Mut zu bekommen. Grit Poppe erzählte mit „Abgehauen“ von einer Flucht aus der DDR im Sommer 1989 – und ließ beim Vortrag einige gruselige Passagen über den Jugendwerkhof aus, weil so viele jüngere Kinder im Publikum waren. Deniz Selek entführte in ihre „Heartbreak Family“ und Monika Feth entwickelte einen Kriminalfall im „Spiegelschatten“.

Fernsehen bildet, Lesen berührt

Während Naoura und Schrimpf für ein Autorengespräch auf der Bühne saßen, lasen andere einfach so. Aber auch die kamen erst nach Schülern zu Wort. Bevor also Michael Wallner mit theatererprobter raumgreifender Stimme die gefährliche Begegnung zweier 16-Jähriger in Venedig schilderte („Diese eine Woche im November“), stellten sich zwei Mädchen vor und sprachen in verteilten Rollen über das Jugendbuch „Love Alice“ von Nataly Savina. Sie erzählten mit einiger Begeisterung davon, den Schluss des Romans jedoch kritisierten sie: „Da verändert sich alles, aber die Autorin schreibt nur zehn Sätze darüber. Eigentlich hätte man dafür noch mal drei Kapitel gebraucht.“

Zuvor hockten nur Schüler dicht gedrängt auf der Bühne. Leseclubs von drei Gymnasien hatten Vertreter entsandt, um einen Überblick zu geben über internationale Literatur. Ob Bilderbuch oder Erzählung, stets war von schwierigen Lebensbedingungen die Rede, von Flüchtlingsschicksalen, Aidswaisen, von Diktatur und materieller Not. Die Kinder sind sich bei einer Rundum-Befragung einig: Ohne Bücher hätten sie von solchen Problemen sicher auch aus den Medien erfahren. Aber lesend hat es sie mehr berührt.