Fünf Tische mit elektronischem Equipment stehen im Ausstellungsraum der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst an der Oranienstraße. Auf einigen sind es nur miteinander verkabelte Synthesizermodule, auf anderen tragen auch ein oranger Lampenschirm aus Keramik, Klöppel oder Plattenspieler zur visuellen Abwechslung und zur Klangerzeugung bei. Nach einem vorprogrammierten Fahrplan, den man auf einem Monitor ablesen kann, wechseln sich die Sounds ab, die diese Konstruktionen hervorbringen.

Aha. Jetzt flackern hier die Lichter. Jetzt läuft dieses Magnetband aus einer Musikkassette, die – zur Inspektion durch Nachgeborene – gleich daneben liegt. Jetzt klöppeln die Klöppel. Die Klänge, die aus den Club-kompatiblen Boxen schallen, auf die jeweiligen Schallquellen zurückzuführen, gelingt irgendwann, wenn man den Maschinen lange genug beim Musizieren zugesehen hat. Anfassen darf das Publikum nichts, die Klangprozesse entwickeln sich generativ und in eigener Regie.

Ästhetik der minimalsten Variation

Jeder der Tische wurde von einem Künstler des Labels Raster gestaltet, unter anderem von Dasha Rush, Frank Bretschneider, Grischa Lichtenberger und Robert Lippok. Will hier vielleicht jemand von der elektronischen Musik in die bildende Kunst überwechseln, wie es der ehemalige Labelchef Carsten Nicolai so überaus erfolgreich getan hat? Die schwarz-weißen Porträtfotos der Musiker mit extra tiefsinnigem Gesichtsausdruck vor dunklem Hintergrund legen den Verdacht nahe.

Für die Musiker war die Ausstellung „Raster.Labor“ höchstwahrscheinlich auch eine willkommene Gelegenheit, ihre in über 20 Jahren entwickelte Ästhetik der minimalsten Variation einmal zu demonstrieren, ohne selbst an den Knöpfen ihrer Instrumente drehen zu müssen. Ohne die Verpflichtung, eine Tanzfläche zu bedienen und ohne die elektronisch generierten Extasen, die zunächst einmal zu dieser Art von Klangforschung geführt haben. Wenn man all das verpasst haben sollte, wird man durch einen ebenfalls ausgestellten, voluminösen Band im Schuber, der alle Releases von Raster dokumentiert, daran erinnert, dass die Beteiligten das nun auch schon etwas länger machen.

Ergänzung durch die Komponente Clubmusik

Nämlich seit 1996, und damit sogar noch länger als der Club Transmediale, abgekürzt CTM, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Das Festivalmotto lautet darum „Persistance“, wie die Beharrlichkeit, mit der die Macher ihr Festival zu einer der wichtigsten Veranstaltungen für experimentelle Musik weltweit aufgebaut haben.

Gegründet wurde es als eine Art Afterhour-Party für das Berliner Medienkunstfestival Transmediale, das die Veranstaltung um die Komponente Clubmusik ergänzen sollte. Heute erscheint CTM als das vitalere der beiden Festivals und breitet sich immer weiter aus – neben Konzerten und Parties im HAU, im Berghain, im Heimathafen Neukölln oder dem Festsaal Kreuzberg gibt es in diesem Jahr gleich vier Ausstellungen.

Klänge, die ohne menschliche Hilfe entstehen

Also den Schwarzgekleideten durch die eiskalte Berliner Nacht zum Bethanien gefolgt, in der die CTM-Gruppenausstellung im Kunstraum Kreuzberg inzwischen auch schon Tradition hat. Und auch hier kann man sehen, wie Klänge ohne Hilfe von Menschen entstehen: Der Japaner Kanta Horio hat winzige, elektromechanische Installationen auf Fußboden und Fensterbrettern aufgebaut: kleine Elektromotoren bringen Wasser in einem Glas oder den Deckel einer Blechdose zum Schwingen und entlocken ihnen ihre ganz eigenen Klänge; am Fenster ist eine Gitarrenseite gespannnt, die von einem anderen kleinen Apparätchen gezupft wird.

Auch Martin Tétreault und Dieb13 bringen in einer gemeinsamen Arbeit ihr Material zum Klingen: An der Wand hängen bunte, verkratzte Schallplatten: In drei Videos sieht man, wie die beiden Künstler diese Platten wie bei einem DJ-Set auflegen. So entsteht eine Symphonie des Kratzen, Knisterns und Rauschens.

Wesentlich unsubtiler geht es in der Halle am Berghain zu: Dort hat der Berliner Künstler Nik Nowak seine neueste Lärminstallation aufgebaut. Und wie immer bei dem Künstler, der die „akustische Kriegsführung“ als sein Arbeitsfeld erwählt hat, scheint die Rezeption die Gefahr einer Trommelfellperforation zu beinhalten.

Ein Zwei-Tonnen-Bagger namens „Mantis“ tritt mit einer Batterie von Lautsprechern und Hörnern gegen eine frühere Konstruktion Nowaks mit dem schönen Namen „Panzer“ an, die ebenfalls einen infernalischen Lärm verbreitet. Das ist, als würden Transformer mit Krach statt mit Schlägen kämpfen; und wie bei den Transformer-Filmen ist der physische Eindruck überwältigend, die geistige Stimulation eher gering.

Als ob das noch nicht genug des Spektakels wäre, haben sich die Organisatoren des CTM-Festivals zum 20. Geburtstag den Traum einer Eisbahn erfüllt: aus Kunststoff alleridngs, auf der man zu DJ-Sets herumschliddern kann.