Eine Geschichte über das kreative Berlin kann eigentlich nur auf der Loveparade beginnen, auf dem Wagen von Westbam, mit dem Rausch also, dem kollektiven Taumel einer Stadt, einer neuen, gesamtdeutschen Generation. Damals muss es gewesen sein, dass Berlin anfing, wie ein Magnet auf junge Künstler zu wirken. Berlin war eine Stadt, die so unfassbar viel Energie hervorbrachte und die darin so untypisch deutsch war. Eine Stadt wie ein Versprechen.

In Wahrheit aber beginnen die meisten Geschichten über das kreative Berlin nicht mit dem großen Knall. Sie beginnen zum Beispiel in der Stuttgarter Fußgängerzone, ein paar Jahre vor dem Tag an dem Ralf Schmerberg auf der Loveparade auf dem Wagen von Westbam entschied, nach Berlin zu ziehen. Da stand er also, 17 Jahre alt, ein Metzgerlehrling, und sah Männer und Frauen ganz in Rot, Anhänger von Bhagwan, dem Guru. Kurze Zeit später war Ralf Schmerberg einer von ihnen, die nächsten fünf Jahre verbrachte er in einem Ashram in Oregon.

Es ist wichtig zu wissen, wo Geschichten tatsächlich anfangen, denn mit den vielen Kreativen, die wie Ralf Schmerberg in den vergangenen 20 Jahren nach Berlin gezogen sind, kommen all ihre Erfahrungen, all ihre Weltanschauungen und Lebensentwürfe zusammen. So gesehen ist eine Stadt nichts anderes als die Summe der einzelnen Menschen, die in ihr wohnen, arbeiten, leben.

In der Hand glüht ein Joint

Ralf Schmerberg hat die Beine auf einem Sessel untergeschlagen, es ist ein Montagmorgen, und in seiner Hand glüht ein Joint. Es war ein langer Weg von Stuttgart ins Ashram und wieder zurück in das schwäbische Spießernest, wo er anfing zu fotografieren, bis ins Berlin der Neunzigerjahre. Und fast wäre seine Berlingeschichte sofort wieder zu Ende gewesen.

Der Sportartikelhersteller Nike hatte Ralf Schmerberg entdeckt und ließ ihn, den unbekannten Anfänger, große Werbefilme drehen. Ralf Schmerberg hätte nach Los Angeles gehen können, sagt er. „Aber Berlin war’s einfach“, sagt er, „das Gefühl, etwas Neues zu verpassen, war stärker als die Sicherheit, die mir die USA geboten hätte.“

Schmerberg blieb. Er drehte Werbespots für große Marken und Filme, er gewann fünf Goldene Löwen beim International Advertising Festival in Cannes und wurde 2008 mit den Cinema For Peace Award ausgezeichnet für einen experimentellen Dokumentarfilm über den G.8-Gipfel in Heiligendamm. Trotzdem lägen ihm seine Agenten bis heute in den Ohren, er solle endlich nach New York ziehen, wenn schon nicht nach Los Angeles. „Die meinen, ich könnte da eine Megakarriere machen.“

Stattdessen macht er lieber ein Experiment in Kreuzberg, das Labor dafür liegt an der Schlesischen Straße in einem dritten Hinterhof, eine schmale Treppe führt hinunter in einen hohen Raum mit groben Backsteinwänden. Von dem, was einst das Heizkraftwerk des Häuserblocks war, blieben eine riesige gusseiserne Ofentür, Rohre an den Wänden und das diffuse Gefühl von Energie. Oben, im fünften Stock, hat Ralf Schmerberg sein Atelier, seine Wohnung, seine Dachterrasse.

Mindpirates heißt das Experiment, es ist ein Künstlerkollektiv, nicht subventioniert, nicht profitorientiert, am Anfang finanzierte Schmerberg es mit seinem eigenen Geld, jetzt, sagt er, haben sie am Jahresende einen Überschuss, den sie in ihre Projekte investieren können. Es steckt viel von seiner Zeit in der Kommune in diesem Konzept: Jeder einzelne arbeitet für die Sache, jeder einzelne profitiert von dem Ganzen.

Die Mindpirates zeigen Filme, es gibt Konzerte, Clubnächte und Ausstellungen. Es kommen so zauberhafte Abende dabei heraus wie dieser eine im April: Auf großen LED-Wänden liefen Mitschnitte von Berlinkonzerten der Achtzigerjahre, Nick Cave, Crime and the City Solution. Die Zeit, von der gerade alle redeten, weil David Bowie ein neues Album herausgebracht hatte und Martin Kippenberger eine große Ausstellung gewidmet war, hier, in diesem Hinterhof, nicht nur ausgestellt, sondern irgendwie erfahrbar.

Oder herrlich Provokatives wie die Art Porn Week im Juni, bei der junge Lyrikerinnen pornografische Gedichte vortrugen und DJs erotische Elektromusik auflegten.

Man trifft an solchen Abenden viele dieser neuen Berliner, die aus der ganzen Welt hergezogen sind, nicht die Partytouristen, sondern unaufgeregt gekleidete Fotografen, Videokünstler, Musiker, für die Ralf Schmerberg einen Resonanzraum geschaffen hat.

So ein Raum ist wichtig für diese Stadt, in der gerade entschieden wird, ob Kreative nur hier sind, um dabei zu sein, um ein Lebensgefühl zu teilen, um in noch günstigen Ladenateliers an irgendetwas herumzukünstlern, die restliche Zeit in der Nacht zu verbringen, und irgendwann zu gehen, dahin, wo man mit Ideen Geld verdienen kann. Oder ob von dem Kreativen etwas bleibt.

Ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt, auf der anderen Seite der Spree, steht ein heruntergekommenes Gebäude der Reichsbahn, dessen Mauern mit großflächigen Bildern übermalt sind. Hier hat Pascal Feucher, ein Franzose, 42, im letzten Jahr den Kunstraum Urban Spree eröffnet. Feucher ist einer von diesen Neuen, die nicht wie Schmerberg in den Neunzigern, sondern gerade jetzt und gerade wegen des Kreativen in die Stadt gekommen sind.

„Berlin war schon lange cool, und niemand wusste es“, sagt er, „das ist jetzt durchgesickert und alle denken, Berlin ist cool. Die Stadt lebt von den Schatten ihrer Vergangenheit, ich arbeite in diesen Schatten.“ Wie die Mindpirates ist auch Urban Spree so ein Experiment. Und Berlin, sagt Feucher, ist perfekt für Experimente.

Auch seine Geschichte beginnt, natürlich, nicht in Berlin, dafür aber mit einem tatsächlich großen Knall: mit der Finanzkrise, die ihn, der als Investmentbanker für eine deutsche Bank in Paris arbeitete, arbeitslos werden ließ. Ein halbes Jahr lang machte Pascal Feucher dann erst mal einfach gar nichts. Es ging nichts mehr, nach den Jahren in dieser irren Welt des Geldes. „Ich musste herausfinden, was ich aus meinem Leben machen will“, sagt er, auf Neustart gehen, wo andere ihre Karriere zementieren, ein Haus bauen, mit Golfspielen anfangen.

Kunst hatte Pascal Feucher davor allenfalls gesammelt, Street Art, sagt er, interessierte ihn immer am meisten. Paris, dieses riesige Freiluftmuseum, ist keine Stadt, die viel davon zu bieten hat, da fehlt das Raue, das Unfertige, das zur Leinwand der Street-Art-Szene werden kann, all das also, was Berlin trotz Mediaspree noch immer im Überfluss hat.

Kunstbücher liegen auf Euro-Paletten

Jetzt hat Pascal Feucher also diese Galerie, in der Kunst gezeigt wird, die sich grob im urbanen Raum verorten lässt. Die Wände sind nackt, der Boden ist aus Beton, auf Euro-Paletten liegen Kunstbücher, die man kaufen kann, viel mehr braucht es erst mal nicht, um einen Ort für Kunst in Berlin zu schaffen, räumlich zumindest.

Bei Urban Spree gibt es Platz für Ausstellungen, Konzerte und Partys, im oberen Stockwerk lässt Pascal Feucher junge Künstler arbeiten. Sie zahlen keine Miete, gestalten dafür Flyer und Plakate für Urban Spree, sie stellen Zines her, kleinformatige Stücke und Siebdruck-Shirts, kleine Kunst also, die hier verkauft werden kann. Urban Spree ist auch ein Ort, an dem Kunst entsteht.

In Paris, sagt Feucher, würden alle fragen, was er denn eigentlich will. Sie würden seinen Ansatz diffus finden. Hier ist es genau das, was am Ende dafür sorgen könnte, dass sein Plan aufgeht. Weil Berlin eben noch keine Stadt ist, um aus Kunst Geld zu machen, hat Pascal Feucher die Galerie nicht allein darauf ausgerichtet, Kunst zu verkaufen. „Wir können so kompromissloser sein“, sagt er, bei den Entscheidungen, welche Künstler sie zeigen, welche Veranstaltungen sie organisieren. „Weniger Mainstream machen.“

Ein neues Berlin

In der Urban Spree Galerie gab es eine Ausstellung über Fahrradkultur, zu der die Fahrradkuriere anreisten, diese urbanen Verrückten, die zwar selten Künstler, aber meistens Lebenskünstler sind. Im Hof vor der Galerie parkten hunderte dieser Rennräder, die, wenn man sie abfotografiert wie der Grafikdesigner Christoph Reichert, vom Fortbewegungsmittel zu Kunst werden.

Dann zeigte die französische Fotografin Bilbo Calvez experimentelle Porträts von Berliner Gesichtern, Peaches war darunter, Ricardo Villalobos und Thierry Noir, der Mauerkünstler. Neulich zeigte das Pictoplasmaprojekt seine visuellen Arbeiten, dann fand ein Comictreffen statt. Am Donnerstag wird die Straßenband Jagwa Music aus Tansania auftreten, ab dem Wochenende werden Künstler, die Urban Spree eingeladen hat, Stücke zeigen, die sie eigens für diese Ausstellung entworfen haben. Man versteht also, was Pascal Feucher meint, wenn er Urban Spree einen kulturellen Schmelztiegel nennt.

In einer Stadt, in der es so viele Kreative gibt, geht es darum, wahrgenommen zu werden, braucht es solche Orte, an denen sie sich zeigen können. Das ist das eine. Mehr noch gilt es, Kreative zusammenbringen, weil daraus ein neues Berlin entsteht mit einer eigenen Energie, jenseits des bloßen Konsums vergangener Zeiten. Das ist es, was die Mindpirates und Urban Spree tun: die Stadt nicht nur aufnehmen, sondern ihr etwas zurückgeben.

Im Mai flog Ralf Schmerberg mal wieder nach New York, vier Wochen lang drehte er einen Musikfilm, verdiente Geld. „Wenn mir Berlin irnicht mehr gefällt, dann gehe ich halt woanders hin“, sagt er. „Als Macher machst du, egal, wo du lebst.“

Pascal Feucher hat seinen Biergarten aufgemacht, in die Blumenkästen vor dem Eingang der Galerie hat er Stiefmütterchen gesetzt. „Wie in Frankreich, oder?“, fragt er. „Aber die Deutschen sagen mir, die Blumen erinnern sie an ihre Oma.“ Er zuckt mit den Achseln. Pascal Feucher hat seine Familie mit nach Berlin gebracht, die Kinder gehen jetzt auf eine deutsch-französische Schule in Prenzlauer Berg. Sein Erspartes reichte für die groben Renovierungsarbeiten, für die ersten Monate, jetzt muss sich Urban Spree selbst tragen. „Das hier ist jetzt mein Leben“, sagt Feucher, „es muss funktionieren.“ Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.