Der Dirigent Christian Thielemann wurde 2015 mit dem Richard-Wagner-Preis ausgezeichnet. 
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BerlinKeine Experimente, wenn Christian Thielemann kommt: Nach Versuchen in den vergangenen Jahren mit Sinfonischem von Peter Tschaikowsky, mit Geistlichem von Giuseppe Verdi und Johannes Brahms, gar mit Spirituellem von Olivier Messiaen, kehrte man beim Gastauftritt des Dirigenten bei den Berliner Philharmonikern nun gemeinsam zu Thielemanns Kerngeschäft zurück: Richard Strauss. Vielleicht war ein reiner Strauss-Abend wie am Donnerstag einfach mal wieder an der Zeit.

Zu entdecken gibt es ja genug, gleich zwei Stücke standen auf dem Programm, die die Philharmoniker noch nie oder seit einer Ewigkeit nicht mehr gespielt hatten. Davor aber die Verneigung vor einem verstorbenen Ehrenmitglied: Mariss Jansons, der lettische Dirigent, der dem Orchester bald 50 Jahre verbunden war. Das Vorspiel zum „Lohengrin“ steht deshalb am Anfang des Abends, Thielemanns Vorlieben und Fähigkeiten entsprechend und bestimmt nicht an Sinn und Geschmack des Verstorbenen vorbei.

Bei seinem letzten Auftritt mit dem Orchester im Januar hatte Jansons noch den „Zarathustra“ von Strauss dirigiert und die „Rienzi“-Ouvertüre von Wagner. Unter Thielemanns Hand dematerialisiert sich die Lohengrin-Musik fast völlig, sie löst sich auf in kosmisch weite Atembewegungen, die selbst dann noch Ruhe in sich tragen, wenn schallenden Beckenschläge hinzukommen als glänzenderes Licht.

Christian Thielemann und die Lässigkeit 

Möglich, dass es so im Himmel der Musiker zugeht. Das eigentliche Programm beginnt mit der ersten der zwei Sonatinen für Blasinstrumente, die Strauss im hohen Alter schrieb als Zugabe für ein Lebenswerk, das er als abgeschlossen betrachtete. Der Begriff „Handgelenksübung“, den der Komponist in einer Mischung aus Selbstironie und demonstrativer Untertreibung für diese Werkgruppe prägte, ist nicht ohne Gefahr für die Interpreten.

Wer sich mit solch demonstrativer Lässigkeit diesem Stück nähert, wie es Thielemann mit den philharmonischen Bläsern tut, lässt doch vieles unberücksichtigt an jugendlichem Schwung und Melodienglut, die auch diese Altersmusik noch ausmacht. Zum ersten Mal erklingt dieses Stück in einem Konzert der Philharmoniker. Seit Wilhelm Furtwängler nicht mehr standen die „Drei Hymnen“ op. 71 auf Hölderlin-Texte auf dem Programm.

Orchesterlieder, die wegen ihrer weiten Dimension und der Komplexität durch das Programmraster fallen. Melodiöse Eingängigkeit wie bei den „Vier letzten Liedern“ findet man hier kaum, dafür ein bedeutungsvoll dichtes Stimmennetz, dessen Aufbereitung auch einem Strauss-Fachmann wie Thielemann nicht selbstverständlich gelingt. Anja Kampes Sopran strahlt darüber mit Sonnenkraft, Orchester und Dirigent legen nach mit einer traumhaft beweglichen Wiedergabe der „Rosenkavalier“-Suite. Schönheit, die wach macht vor Glück.