Berlin - Nicht wenige Besucher der Philharmoniker werden sich vor diesem Konzert gefragt haben, was Simon Rattler dazu bewogen haben könnte, Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ mit der Schlussszene aus der Oper „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček zu kombinieren. Welten scheinen das hochgestimmte, lyrisch-edle Abschiedspathos Mahlers von der prosaisch schnurrigen Tierfabel zu trennen, in der zum Schluss ein glitschig kalter Frosch mit einem Witz nichts Geringeres als die Idee der Kontinuität allen Lebens erklärt. Aber beides sind Werke, die von einem Endpunkt der Existenz aus einen Blick zurück auf die vergangene und begrenzte Zeit des eigenen Lebens werfen, die das Ohr öffnen für die Stimme der Natur, der jene Begrenztheit des Einzelnen fremd ist.

In gewisser Weise ist Janáček dabei der Radikalere, weniger auf äußere Wirkung als auf innere Wahrheit Bedachte. In Mahlers „Abschied“, dem letzten der Gesänge, spielt selbst die zuvor munter zwitschernde Flöte nur noch einzelne karge Lineaturen. Wie sich dieses Schweigen über alles legt, ist ergreifend, und Rattle lässt diese Schattenwelten einer sich entziehenden Expressivität auch konsequent ausspielen. Trotzdem bleibt der mitunter fade Beigeschmack des Dekorativen, das ja auch von Mahler selbst wie ein Prinzip des Jugendstils thematisiert wird: in dem vegetabil sich rankenden zentralen Doppelschlagmotiv, das ganz am Schluss zu einer welkenden Geste zerfällt. Bei Janáček dagegen erscheinen die Stimmen der Natur und ihr gleichsam mit ungerührter Hartnäckigkeit drängender Energiestrom wie die Substanz dieser Musik selbst, die die surrealen Traumwelten des alten Försters in seltsamsten Brüchen und Sprüngen bestimmt.

Mit dem Gedanken an den nachfolgenden Mahler wird indes beim Hören auch deutlich, wie sehr selbst der Janáček’sche Tonfall hier von der Mahler-typischen Gebrochenheit durchtränkt ist, zwischen Selbstbestimmtheit und Entfremdung. Folkloristisches leuchtet auf, wird aber eingefangen von den fiebrigen Energieschüben, die einen weniger psychologisch als vielmehr fast physiologisch fundierten Realismus antreiben. Die Philharmoniker geben den stets unerwarteten Wendungen dieser Musik äußerste Prägnanz, und in großer Besetzung ergibt sich einmal ein ganz andres Klangerlebnis als aus dem Orchestergraben der Oper. Gerald Finley gestaltet die Förster-Partie nicht weniger eindrucksvoll. Die eigentliche Entdeckung des Abends war aber der Tenor Stuart Skelton, dessen kraftvoll ekstatische Stimme noch aus dem stürmischsten Tosen der Mahler-Partitur hervorleuchtete.