Wer häufiger die Klassik-Abteilung eines namhaften Kulturkaufhauses besucht, dem fällt auf, dass ausgerechnet die neuen Produktionen der Berliner Philharmoniker bald nach dem Erscheinen zu herabgesetzten Preisen zu haben sind. Aufgrund solchen Mangels an Nachfrage wollen die Großkonzerne nicht zum tausendsten Mal jenes Repertoire von Mozart bis Schostakowitsch produzieren, aus dem die Sinfonieorchester nie herauskommen werden. Daher nehmen Künstler die Sache selbst in die Hand: In kurzem Abstand haben die Philharmoniker sowie Daniel Barenboim die Gründung eigener Labels bekanntgegeben. Es ist bezeichnend, wie sie mit schwindender Nachfrage fertig werden wollen.

„Berliner Philharmoniker Recordings“ startet mit den Symphonien Robert Schumanns, dirigiert von Simon Rattle. Für schlappe 49,90 Euro bekommt man nicht nur zwei „traditionelle“ CDs, sondern auch eine Blu-ray in „audiophiler Studioqualität“ und die Möglichkeit, eine noch höher aufgelöste Version in 192kHz/24bit downzuloaden. Außerdem wird man sieben Tage in die Digital Concert Hall eingelassen, dazu gibt es Interviews und Making-ofs und ein ausführliches Booklet. Edel bis protzig in Leinen gebunden, technisch auf dem allerneuesten Stand – ein Geschenkartikel, mit dem man sich auch vor Gastgebern mit Niveau nicht blamiert.

Aber ob die Feier der eigenen Exzellenz wirklich als Programm für ein Label reicht? Daniel Barenboims Vorhaben wirkt nebulöser – und interessanter zugleich. Sein Label „Peral“ (spanisch für „Birnbaum“, jiddisch: „Barenboim“) verkauft keine CDs mehr, sondern nur noch über iTunes. Damit reagiert Barenboim auf das Nutzerverhalten junger Hörer – aber kaum mit dem, was er da veröffentlicht: Es geht los mit drei Sinfonien von Anton Bruckner, dann kommt das vierhändige Programm, das er zu Ostern mit Martha Argerich gespielt hat. Erst nach diesen eher beschränkt jugendgemäßen Werken wird er Kinderstücke von Schumann und Sergej Prokofjew einspielen.

Immerhin glaubte man Barenboim, als er sein Label am Mittwoch im Apple Store vorstellte, dass er nicht nur – wie der ebenfalls in das Projekt verwickelte Universal-Manager – neue Absatzmärkte erschließen will. Von der Musik bekäme man nur so viel zurück, wie man selbst an Aufmerksamkeit, Wissen und Erfahrung zu investieren bereit ist, sagte Barenboim mehrfach. Seine Hoffnung, man werde die Musik im Internet konzentriert hören, ist allerdings nach allem, was man über die Oberflächlichkeit der Online-Rezeption von Texten bereits weiß, mehr als kühn.