Berliner Philharmoniker: Der große Schweiger Petrenko ist jetzt Chefdirigent

BERLIN. Pressetermine? Interviews? Aufnahmesitzungen? Kirill Petrenko, der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und ab 2019 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hat dafür einen Sammelbegriff: „Zeitverschwendung“. Seit seiner Wahl zum Nachfolger Simon Rattles im Juni 2015 hat er sich offiziell nur ein Mal in der Stadt blicken lassen: für ein Gastspiel mit seinem Bayerischen Staatsorchester beim Musikfest vor reichlich drei Wochen. Und als die Philharmoniker seine Wahl bekanntgaben, ließ er bloß eine knappe Freudenadresse verlesen. Dass er jetzt zur Vertragsunterzeichnung bei den Philharmonikern tatsächlich anreist, obwohl man so etwas doch mittlerweile auch zeitsparend online machen könnte – über dieses Zugeständnis ist man beinah schon erstaunt.

Innere Klangvorstellung

An seinen beinharten Grundsätzen zum Umgang mit der Presse wird er wohl auch als Chef des bedeutendsten deutschen Orchesters nichts ändern. Bei der Vertragsunterzeichnung am Donnerstag in der Philharmonie sagte er, dass er nicht gerne über seine Arbeit rede. Er werde immerhin einmal im Jahr bei der Pressekonferenz seine Pläne vorstellen, da könne man ihn ja befragen. Na, dann bis 2019, Herr Petrenko!

Die prominentesten Begriffe in allem, was Petrenko dann doch sagt, lauten „Kunst“ und „Arbeit“. Nun sind Dirigenten selten ausgesprochen faul. Die geschätzt 800 Aufnahmen Herbert von Karajans sind das Ergebnis fanatischen Arbeitens. Bei Daniel Barenboim denkt man zuweilen, er müsste mindestens zweimal existieren, so viele Konzerte und Opernvorstellungen gibt er, so umfangreich ist sein gesellschaftliches Engagement. Petrenko meint jedoch eine andere Arbeit, eine, die nicht in der Öffentlichkeit sichtbar wird und die sich Laien nie so richtig vorstellen können, wenn sie Dirigenten fragen: „Was machen Sie eigentlich vormittags?“

Petrenko brütet über Partituren. Ist das Arbeit? Allerdings: Bei einer Oper können leicht 400 oder 500 Seiten zusammenkommen, die aufgeführt drei Stunden Musik ergeben – das gibt ein Maß für die Informationsdichte eines solchen Buchs. Wie alle anderen Bücher kann man auch Partituren genau oder ungenau, mit viel Fantasie und wenig lesen. Man kann auch in die Probe gehen, sehen, was passiert, und dann anfangen zu arbeiten. Petrenko sagt, dass er sich davon überfordert fühlt: Ein Orchester bietet so viel an Klängen und Phrasierungen an, dass er sich darin verlieren würde, ginge er nicht mit einer klaren Idee in die Probe.

So arbeitet Petrenko bei der Lektüre der Partitur an seiner inneren Klangvorstellung: Wie klingt so ein Akkord, welche Instrumente haben die wichtigsten Töne, wie gewichtet man sie gegen die anderen – und wie setzt man das mit den Bezeichnungen des Komponisten ins Verhältnis? Oder wo hat diese Melodie ihren Höhepunkt, wie verdeutlicht man ihn, bleibt das Tempo stabil, gibt es nach? Und immer die große Frage: Ist das eigentlich richtig, wie ich mir das denke?

Vielen Dirigenten ist gerade diese Frage herzlich egal. Wer allein und mit Führungsanspruch vor über hundert hervorragend ausgebildete Spezialisten tritt, braucht ein Nervenkostüm, in dem Zweifel nicht vorgesehen sind. Ein Dirigent, der immer wieder mit Zweifeln kämpfte, war Carlos Kleiber – schon zu Lebzeiten verehrt als einer der Größten, aber auch ein zunehmend unberechenbarer Vertragspartner, der gern absagte und Aufnahmen abbrach.

Petrenko war in München und zuvor in der Komischen Oper Berlin immer zuverlässig – die Wahl zum Chef in Berlin jedoch war für ihn „ein Schock“, von dem er sich seit einem Jahr nun langsam erholt. Gerüchteweise heißt es, dass Petrenko zunächst zweifelte, ob das der richtige Posten für ihn sei.

In einer Hinsicht, und zwar in einer wichtigen, ist sein Zweifel berechtigt: Wenn Petrenko öffentliches Reden und Sichtbarwerden für Zeitverschwendung hält, dann sieht er neben Simon Rattle blass aus. Unvergesslich bleibt eine Veranstaltung des Hauptsponsors Deutsche Bank, bei der sich Rattle mit seinem Intendanten Franz Xaver Ohnesorg vorstellte: Da wurden noch vor Amtsantritt Visionen verkündet und der Teamgeist zwischen Rattle und Ohnesorg beschworen, der auch mit den „besten Bratwürsten der Welt“ zusammenhing, die Rattle einmal bei Ohnesorg serviert bekommen hatte. Die Banker waren begeistert und konnten es kaum erwarten, dass die Ära Abbado zu Ende gehen würde.

Schwer vorstellbar, dass Petrenko, 44, jemals über Bratwürste spricht. Auf die Frage, wie es ihm nach der Vertragsunterzeichnung gehe, antwortete er einsilbig: „Gut.“ Er hat dann tatsächlich noch mehr gesagt: Dass er natürlich weiter Oper dirigieren werde, nicht zuletzt in Baden-Baden mit den Philharmonikern. Dass er den philharmonischen Programmen einen russischen Akzent, aber keinen russischen Schwerpunkt geben werde. Dass die bislang drei Konzerte mit den Philharmonikern ihm und offenbar auch dem Orchester das Gefühl gegeben hätten, künstlerisch viel erreichen zu können.

Dafür hat ihm der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller in Absprache mit dem Stiftungsrat der Philharmoniker auch einen unbefristeten Vertrag unterbreitet. Bis zum Amtsantritt wird der designierte Chefdirigent „mindestens ein Konzert pro Saison dirigieren“, vor allem Gastspiele. In Berlin, der Stadt, in der er elf Jahre gewohnt hat, wird er bis dahin also kaum zu sehen sein.

Weil Petrenko sonst aber fast gar nicht spricht, fällt dem Intendanten der Berliner Philharmoniker nun eine gewichtigere Rolle als bisher zu. Rattles Wunschintendant Ohnesorg musste seinen Hut schnell wieder nehmen, weil er selbst etwas gestalten wollte. Das Engagement seiner Nachfolgerin Pamela Rosenberg wurde auf diplomatische Weise stillgestellt. Mit Martin Hoffmann hatte man einen freundlichen Mann gefunden, der von Musik nicht viel, umso mehr von Medien verstand.

Geheimtreffen mit Rattle

Der verlässt das Orchester bereits 2017, also zu Rattles letzter Saison. Mit seiner Nachfolgerin Andrea Zietzschmann holt sich das Orchester eine mit allen Wassern gewaschene Musikmanagerin mit 20 Jahren Erfahrung im Umgang mit Musikern obersten Niveaus. Ihre erste Tat war 1997 die Gründung, künstlerische Planung und Finanzierung des Mahler Chamber Orchestra zusammen mit dem damaligen Philharmoniker-Chef Claudio Abbado – damals war sie gerade 27 Jahre alt. Später legte sie mit dem Dirigenten den Grundstein für das Lucerne Festival Orchestra. Die Liebe zur Musik hatte sie als Jugendliche im Geigenspiel geübt, dann aber doch Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und VWL studiert.

Zietzschmann, 46, ist wie Petrenko nur bedingt eine glamouröse Erscheinung zu nennen – aber wie er weiß sie genau, was zu tun ist und wie. Nach Stationen als Orchestermanagerin und Musikchefin beim Hessischen Rundfunk ist sie zur Zeit verantwortlich für die fünf NDR-Ensembles samt Chor und Bigband, das heißt, für 350 Mitarbeiter und 500 Veranstaltungen im Jahr. In diesem Amt hat sie unter anderem den Umzug des nun Elbphilharmonie Orchester genannten NDR-Symphonieorchesters geregelt.

Bei den Berliner Philharmonikern stehen weniger handfest organisatorische Fragen als solche des zwischenmenschlichen Gespürs angesichts der hochsensiblen Musiker auf der Tagesordnung – Aufgaben, die Zietzschmann aufgrund ihrer Erfahrungen nicht fürchten muss und die Petrenko ihr zutraut, seit sie sich mal für einen Nachmittag in München getroffen haben. Auch mit Rattle hat sich Petrenko übrigens in München getroffen. Sein Vorgänger hat ihm einen ganzen Tag lang Tipps zum Umgang mit den Berliner Philharmonikern gegeben, von ganz allgemeinen Dingen bis zu musikalischen Details. Danach schworen sie sich, nie zu Dritten über dieses Treffen zu sprechen. Wie schade!