Paavo Järvi dirigiert die Berliner Philharmoniker.
Foto: Stephan Rabold

BerlinRomantisches Empfinden ist bekanntlich nichts, was mit einer Epoche oder einem bestimmten Stil zu tun hat. Ein Adagio von Georg Friedrich Händel oder der Schlusschor aus der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach können in ihrer wärmenden Gefühlsdichte ebenso romantisch, vielleicht auch sentimental wirken wie ein Stück des 21. Jahrhunderts.

Der Beginn von Hans Abrahamsens neuem Hornkonzert, am Mittwoch wurde es bei den Berliner Philharmonikern mit dem Solo-Hornisten des Orchesters, Stefan Dohr, uraufgeführt, ist der Empfindung nach hochromantisch. Ein Panorama der Weite und der Ruhe tut sich hier zu Beginn auf, Streicher im Flageolett deuten dämmerige Fernen an, Harfenzupfer leuchten auf wie am Abend die ersten Sterne, bedeutungsvoll knackt der Holzblock, auf den ein Schlagzeuger schlägt. Und das Horn? Singt darüber so sehnsüchtig und leuchtend wie es eben nur ein Horn kann: weich gedämpft, mit der Ahnung großer Abenteuer, vielleicht auch mit der Erinnerung daran.

Das Horn als Instrument der Natur und der Idylle

Das Horn als Instrument der Natur und der Idylle: Der dänische Komponist, der das Instrument einst selbst lernte, erweist in seinem Konzert noch einmal dem ganz klassischen Horn-Bild die Ehre. Dabei schreibt er eine Musik, die in der romantischen Anmutung doch Frische und Eigenständigkeit atmet. Überhaupt das Atmen: Abrahamsen nimmt es sehr ernst nicht nur bei der Gestaltung der Phrasen, die der Solist bequem mit einer natürlichen Atemlänge spielen kann, auch das Orchester setzt in diesem ersten Satz - „sehr langsam und mit viel Ruhe“ - immer wieder geschlossen aus, um gleichsam Atem zu schöpfen. Wie ein fester Organismus erscheint das Ensemble dadurch, dessen wuselnde Betriebsamkeit der Hornist im folgenden „stürmischen“ Abschnitt kommentiert. Daran wird sich bis zum Ende des Stückes kaum etwas ändern: Dass das Horn mit seinem Klang von romantischer Empfindsamkeit hier immer auch ein einsamer Einzelkämpfer bleibt.

Stefan Dohr spielt mit Kraft und Sicherheit

Der Solist lässt seinen Ton über dem Orchester leuchten, monologisiert später, als es nach dem Sturm wieder „sehr langsam“ wird, in weit sich über den Tonumfang des Instrumentes spannenden Floskeln. Ein Aufgehen in der Gemeinschaft mag Hans Abrahamsen dem Solisten nicht gestatten, er bleibt nobler Sonderling. Vielleicht ja das reale Schicksal eines Romantikers. Stefan Dohr, der zuletzt auch Toshio Hosokawa und Wolfgang Rihm zum Schreiben eines Hornkonzertes anregte (kein Bläser hat derzeit einen so guten Draht zu den Komponisten), spielt mit einer Kraft und Sicherheit, die zugleich großes poetisches Empfinden zulassen. Paavo Järvi am Dirigentenpult ist ihm darin ganz ähnlich, mit Strawinskys klangkulinarischem „Scherzo fantastique“ und Hector Berlioz’ „Symponie fantastique“ rahmen zwei Stücke das Programm, bei denen Järvi weniger das Fantastische einer außermusikalischen Handlung interessiert als die Komplexität der Machart. Der Eindruck ist dadurch nicht weniger groß.