Es gibt auch eine musikalische Ökobewegung und mit ihr Komponisten, die immer nur das Neueste wollen. Johannes Brahms etwa hatte die Musikgeschichte wie kein Komponist vor ihm verinnerlicht und hob in seinen Werken sorgfältig auf, was Fortschrittsideologen wie Wagner und Liszt bedenkenlos über Bord warfen. Seine Vierte Symphonie beendete am Freitag ein von Andris Nelsons geleitetes philharmonisches Konzert überaus sinnfällig. Zuvor, in Peteris Vasks Streicherstück „Cantabile“, einer ungetrübt diatonischen, mit süßlichen Dissonanzen gefällig versetzten Elegie von 1979, war das wenig ergiebig.

Zeit, die sich biegt

Dass aus dergleichen Material jedoch immer noch erhebliche Reize zu destillieren sind, zeigte die Uraufführung des siebenteiligen Gesangszyklus „Let me tell you“ des Dänen Hans Abrahamsen mit Barbara Hannigan als Solistin. Abrahamsen ist 1952 geboren wie Wolfgang Rihm und teilt mit diesem eine starke Avantgarde-Skepsis trotz Studiums bei Avantgardisten. Ging Rihm bei Stockhausen in die Lehre, so Abrahamsen bei György Ligeti. Und was Abrahamsen hier mit Dreiklängen und tonalen Melodiefloskeln anstellt, ist so weit wiederum nicht vom späten Ligeti und seiner mikrotonal verfärbten und in kontrastierende Orchester-Register aufgelösten Folklore entfernt.

Sacht tickende Bewegung bestimmt den Eingangsgesang. Eine Frau versucht sich an ihren Geliebten zu erinnern – gerät aber schon im zweiten Satz aus der Fassung, weil im Erinnern alles durcheinander geht. Im dritten Satz gerät die Musik auf den Nullpunkt von Trommelschlägen und dumpfen Pizzicato-Tönen der Bässe, als wären die „Songlines“ in die Vergangenheit bereits abgerissen. Die folgenden Sätze befassen sich mit Gegenwart und Zukunft.

„Let me tell you“ ist ein virtuoses, eigenwilliges, hintergründiges und auch ein schönes Werk, an dem allenfalls seine selbstbewusst anti-aktuelle Thematik irritiert. Paul Griffiths hat den Text nur aus Worten zusammengestellt, die Ophelia in Shakespeares „Hamlet“ benutzt, und dringt mit diesem Material bis zu Zeitmetaphern der modernen Physik vor: „Zeit, die sich bog, Zeit, die sich hier und da plusterte“. Und ähnlich schreibt Abrahamsen mit Dreiklängen, Tonleitern, klaren Intervallen eine Musik feinster Stimmungen und Ausdrucksnuancen: Im fünften Lied beschwört sie Liebesüberschwang und „Schauer von Licht“ – aber trotz der vertrauten Mittel ist nichts eindeutig, nichts stabil in dieser Partitur: Alles ist raffiniert gegeneinander verschoben als betrachtete man die Klänge durch gesprungenes Glas.

Rührend ungelenke Musik

Barbara Hannigan hat sich dieser komplizierten Sopranpartie mit all ihren reichen stimmlichen und interpretatorischen Mitteln angenommen; sie trägt sie auswendig vor. Ihr Gesang ist nicht nur gläsern präzise, sondern auch dicht mit dem von den Philharmonikern subtil schattierten Orchestersatz verbunden. So lenkt sie die Uraufführung zusammen mit Andris Nelsons sicher in den Publikumserfolg und wird ihn dem Stück auch bei den Aufführungen im nächsten halben Jahr in Skandinavien, den Niederlanden und England erringen.

Ist ein derart geplanter Erfolg allerdings noch ökobewegt? Abrahamsen hat Stücke über Thoreaus „Walden“ geschrieben (vor kurzem bei Winter & Winter auf CD erschienen und mit Naturaufnahmen kontrastiert), seltsam tastende, rührend ungelenke Musik, die ein elementares Verhältnis zum Klang wiedergewinnen will. „Let me tell you“ ist dagegen ein großes Stilfest. Als solches beging Nelsons am Ende auch Brahms Vierte: Mit großem, schwerem, oftmals trägem Klang, als gälte es jedes Klischee deutscher Musik überzuerfüllen. Auf der Strecke blieb dabei die großartige Ambivalenz von Brahms’ Rückwendung zur Vergangenheit, die Dynamik nämlich, die er den alten Formen abgewinnt und seine Musik in die Zukunft treibt.