Die Bratschistin Tabea Zimmermann. In Berlin ist sie jetzt öfter zu hören.
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BerlinDie Bratschistin Tabea Zimmermann braucht man nach 30 Jahren als unangefochten wichtigste Solistin ihres Instruments nicht mehr zu preisen. Erst recht nicht nach ihrer Auszeichnung mit dem Ernst-von-Siemens-Preis, einem der bedeutendsten Musik-Preise. Man erwartet Qualität und bekommt sie. Routiniert wirkt nach all den Jahren nichts bei der Bratscherin, die 1992 bei den Berliner Philharmonikern debütierte und in dieser Saison als „Artist in Residence“ des Orchesters amtiert. Das ist die Überraschung, die sie stets bereithält: dass sich nichts geändert hat an der Frische und Vitalität, mit der sie auftritt und musiziert.

Am Donnerstag spielte Tabea Zimmermann mit den Philharmonikern Paul Hindemiths Viola-Konzert „Der Schwanendreher“, und nicht mit dem ersten Ton begann ihr Vortrag, sondern mit einer weit ausholenden Geste des Bogenarms: Das ist ein tiefes Atemholen, aus dem die Energie zu resultieren scheint, die die Solistin über die halbe Stunde dieses Stückes trägt. Tragen im wörtlichen Sinn. Wie auf Wogen und Wellen bewegt sich die Bratscherin durch dieses musikantische Konzert, dem Außenstehenden in beglückender Weise offen lassend, wo nun die Energiequelle liegt: bei ihr selbst, bei Hindemith oder irgendwo sonst.

Hindemith wird im Mittelpunkt stehen von Zimmermanns Konzerten als Residenzkünstlerin, ein Komponist, der Aufmerksamkeit durchaus brauchen kann und der mit Zimmermann ein Sprachrohr erhält, über das jeder Komponist froh sein dürfte. Hindemiths Neigung zu ausgreifender musikalischer Eloquenz – bei Zimmermann ist man um jeden Ton froh, den sie spielen darf.

Hindemith: von Goebbels als „atonaler Geräuschemacher“ denunziert

Seine stilistische Verdruckstheit im Gewand des Humors: Bei der Bratscherin versteht man sie als biedermeierlich anmutende Lebensfreude, die sich vom Ernst der Lage nicht zu Boden ziehen lässt. Hindemith schrieb den „Schwanendreher“ 1935, nachdem er von Joseph Goebbels als „atonaler Geräuschemacher“ denunziert worden war.

Wenn François-Xavier Roth als Dirigent des Abends mit einer der drei letzten Sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach beginnt, so verbindet er hier nicht nur zwei Sorgenkinder des Repertoires miteinander, sondern auch zwei Komponisten, die in der ungebremsten Frische ihrer musikalischen Sprache nahe beieinander liegen.

In schlagartigen Richtungswechseln geht es in der D-Dur-Sinfonie hin und her zwischen Streichern und Bläsern, zwischen Tutti-Passagen und kammermusikalischen Partien, zwischen metrischer Strenge und dem Versuch, mit synkopischen Figuren das Metrum zu sprengen. Erregte Buntheit, die sich unter Roths sorgfältig trennenden und portionierenden Händen zu einem leuchtend pointilistischen Gemälde zusammensetzt. Béla Bartóks Divertimento für Streichorchester zum Schluss nimmt sich da aus wie die Stimme eines Erwachsenen, der zur Umsicht mahnt.

Weitere Aufführungen des Programms 9.10., 20 Uhr; 10.10., 15 und 19 Uhr, https://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/