Vor einem Jahr: Kirill Petrenko beim Eröffnungskonzert der Berliner Philharmoniker. Für die diesjährige Eröffnung war Weberns Passacaglia geplant. Die verlangt eine für Corona-Bedingungen zu große Besetzung.
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BerlinAm 28. August endet die längste Spielpause in der 138-jährigen Geschichte der Berliner Philharmoniker. Nicht einmal die beiden Weltkriege haben die Musiker des Orchesters so lange ruhiggestellt wie die Pandemie. Zwar haben die Philharmoniker während der Zwangspause auch Konzerte gespielt, unter anderem drei Programme mit ihrem gerade angetretenen Chefdirigenten Kirill Petrenko, aber statt vor Publikum vor Kameras, das Publikum saß in der Digital Concert Hall, die 700.000 Neuregistrierungen verzeichnet. Seit gestern läuft der freie Vorverkauf für die ersten Konzerte der kommenden Spielzeit, nachdem die Abonnenten schon in der Woche davor ein Vorkaufsrecht wahrnehmen konnten; ein Drittel der bis Ende Oktober zur Verfügung stehenden 23.000 Karten für ein verändertes Programm ist schon verkauft.

Es geht, wie die Intendantin Andrea Zietschmann auf einer Pressekonferenz erklärte, auf dem Podium wie im Saal, um Abstände. Im Saal müssen zwischen den Hörern immer zwei Plätze Abstand bleiben, jede zweite Reihe bleibt unbesetzt. Damit das in diesem Raum funktioniert, bekommt jeder Kartenkäufer mitgeteilt, wann er sich am jeweiligen Eingang einzufinden hat, und dann wird der Block der Reihe nach gefüllt, damit man sich nicht aneinander vorbeidrängen muss. Wer zu spät kommt, kommt nicht mehr hinein. Auf diese Weise lassen sich im Großen Saal 663 Plätze belegen, ein Viertel der Kapazität.

Auf dem Podium sind die Besetzungsmöglichkeiten ebenso eingeschränkt. Noch immer gilt die Regel: Streicher halten 1,5 Meter Abstand voneinander, Bläser 2 Meter. Daraus würde sich bei einer Besetzung mit 21 Bläsern eine Gesamtzahl von 67 Musikern errechnen. Aber 21 Bläser sind schon nicht wenig: Das Eröffnungskonzert mit Kirill Petrenko kommt mit 15 Bläsern aus und kann sich dann bei den Streichern eine sogenannte „13er Besetzung“ leisten, also 13 Erste Violinen bis hinab zu sechs Kontrabässen. Die ursprünglich angesetzte Passacaglia von Anton Webern verlangt mehr als 21 Bläser und fällt weg; ergänzt wird das Programm noch durch Schönbergs „Verklärte Nacht“ für Streicher.

Nicht länger als 90 Minuten

Weberns Passacaglia hätte dabei die Höchstdauer von 90 Minuten für ein Konzert noch nicht gesprengt. Das sieht bei anderen Konzerten anders aus: Was Daniel Harding im Rahmen des Musikfests dirigieren wollte – die Uraufführung eines Chorwerks von Olga Neuwirth und Mahlers Fünfte – ist vollständig geknickt, weder Chor noch gar eine 70 Minuten dauernde, groß besetzte Mahler-Symphonie sind mittelfristig vorstellbar, stattdessen gibt es die drei Sätze aus Bergs Lyrischer Suite für Streicher und Beethovens „Pastorale“ mit 12 Bläsern.

So geraten die Programme der Philharmoniker mit Brahms’ geigenloser 2. Serenade statt Bruckners Dritter mit Marek Janowski oder Bartóks Streicher-Divertimento statt Strawinskys „Petruschka“ mit François-Xavier Roth zunehmend in die Nähe von Kammerorchester-Programmen und machen damit jenen Orchestern Konkurrenz, die durch die Pandemie besonders hart getroffen sind, weil sie sich weitgehend selbst tragen müssen.

Ein Defizit von zehn Millionen Euro

Andrea Zietschmann setzt sich daher dafür ein, dass solche Ensembles trotz geringeren Kartenverkaufs für das volle Honorar spielen, während man über die Gagen der Solisten mit den Agenturen verhandelt. Die Deutsche Orchestervereinigung hat vor kurzem die Idee vorgebracht, dass freie Ensembles keine Saalmiete mehr zahlen müssten – aber dergleichen Förderung ginge dann doch über die zumutbare Belastung hinaus: Selbst wenn die reine Miete auf Null stehe, fielen doch Dienstleistungen von Strom über Abenddienst und Reinigung an, die auch für die Philharmoniker nicht umsonst seien.

Zumal das Orchester enorme Verluste beziffert. Normalerweise finanziert es sich zu etwa 60 Prozent selbst durch Kartenverkauf und Tourneen. Da beides wegfiel, betragen die bis zum Jahresende hochgerechneten Einnahmeverluste etwa 20 Millionen Euro, die sich nur durch zugleich gesenkte Aufwendungen auf ein Defizit von 10 Millionen reduzieren. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Deckung bereits zugesagt, mit dem Berliner Senat würde noch verhandelt.

Nach der Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat befragt, kündigte Andrea Zietschmann an, diplomatisch zu antworten. Man kann sich vorstellen, dass es für eine an langfristige Planung gewohnte Institution mehr als aufregend ist, erst elf Tage vor Saisoneröffnung ein Programm bekannt zu geben, das dann auch nur für zwei Monate gilt. Vier- oder fünfmal wurden allein diese zehn Programme umgeplant, um sie den aktuellen Vorgaben anzupassen. Gleichzeitig wurden in Zusammenarbeit mit den anderen Berliner Orchestern und der Charité Studien erstellt, die auch geringere Abstände im Orchester und damit größere Besetzungen für vertretbar halten, und natürlich fragen sich mit Zietschmann alle Intendanten: Was können Flugzeuge und Bahnen mit ihren Klimaanlagen, was wir nicht können – warum also darf der Saal nicht enger besetzt werden, und sei es um den Preis, die Masken auch während des Konzerts tragen zu müssen, worüber sich in der Bahn ja auch niemand beschwert?