Dass ein Dirigent nach nur drei Auftritten von einem Orchester zum Chefdirigenten gewählt wird, ist erstaunlich, erst recht, wenn das letzte Konzert mit ihm vor der Wahl schon über zwei Jahre her war. Und da die Wahl Kirill Petrenkos zum Nachfolger Simon Rattles bei den Berliner Philharmoniker selbst schon wieder zwei Jahre her ist, fragt sich das Publikum, wie sich der ehemalige Generalmusikdirektor der Komischen Oper unterdes entwickelt hat. Am Mittwoch stand Petrenko zum vierten Mal vor den Philharmonikern. Es wurde ein Konzert, wie man es selbst bei diesem Orchester selten erlebt.

Die Begeisterung bereits nach Mozarts einleitender „Haffner“-Symphonie feierte eine Interpretation von spektakulärer Genauigkeit und Lebendigkeit. Allein schon Mozart auf das Programm zu setzen, zeugt von erheblicher Risikobereitschaft. Oft heißt es, dass unsere Symphonieorchester aus der Perspektive des romantischen Kernrepertoires kein Verständnis mehr haben für die rhetorischen Aspekte dieser Tonsprache, dass klanglich ohnehin alles verzerrt ist durch die modernen Instrumente. In der Regel wird die Musik mit verkleinerter Besetzung, ohne vibrato und so vorsichtig gespielt, dass das körperliche Engagement hinter einem forte nicht mehr transportiert wird.

Explosiv und gewissenhaft

Kirill Petrenko macht das anders. Die Besetzung ist nicht groß, aber auch nicht ausgesprochen klein. Der Ton ist explosiv, aber dadurch gewissermaßen an der Spitze konzentriert – auch im piano –, er schlägt keine Wellen. Er behält die für den Ausdruck erforderliche physische Energie, ohne romantisch zu werden. Rhetorisch ist Petrenkos Interpretation nicht, und nachdem dieser Ansatz bis zum Überdruss strapaziert wurde, wird bei ihm auch deutlich, dass er gegenüber einem geistreichen analytischen Zugriff wie dem Petrenkos der Musik viel schuldig bleibt.

Damit ist nicht nur gemeint, wie lebendig er etwa im Andante die Stimmen miteinander verhakt, die galanten Zweiunddreißigstel des Seitenthemas mit den impulsgebenden Achteln der Bässe, sondern Dinge, die bis auf den Grund der Struktur gehen. So spart sich Mozart im Kopfsatz bei der Rückführung in die Reprise einen sonst charakteristischen Harmonieschritt auf, um ihn später nachzuholen. Ohne diesen Schritt jedoch hängt die Grundtonart, deren Wiedergewinn in der Reprise sonst gefeiert wird, ein wenig in der Luft: Petrenko lässt die Musik passiv in den Repriseneinsatz fallen. Das zwei Oktaven aufschießende Hauptthema wirkt nun eher behauptet als bestätigt, Petrenko weist dann jedoch nachdrücklich auf den nachgeholten Harmonieschritt hin, der die Sache in Gleichgewicht bringt.

Zugegeben: Ein komplizierter Sachverhalt, über den sich der Kenner freut, den der Liebhaber aber nicht nachvollziehen muss, um von Petrenkos Interpretation begeistert zu sein. Vor dem reinen Rausch – etwa im Paradestück des Presto-Finale – schützt ihn die Liebe zum ausgefuchsten, aufreizend genauen Detail.

Apokalyptische Kraft

Zuweilen leidet darunter der Charme. Verschenkt erscheinen einem  jeweils die Tanzsätze: Das Trio des Mozart-Menuetts wirkt nicht recht gelöst, als glaubte Petrenko dessen Einfachheit nicht, und ähnlich klingt später der 5/4-Walzer von Tschaikowskys Sechster Symphonie auf hohem Niveau durchgewunken.

Allerdings hat Petrenko auch bei dieser geschundenen „Pathétique“ eine Mission. Auch hier geht es darum, den gängigen Espressivo-Staub fortzublasen zugunsten eines klaren Bildes von der Musik. Und erst dadurch wird der Ausdruck des Stücks wirklich wieder frei um etwa im ersten Satz mit geradezu apokalyptischer Kraft entfesselt zu werden oder am Ende des Adagios in frostigen Farben zu erstarren.
Kirill Petrenkos Tempomodifikationen, seine rubati etwa im abgedroschenen Seitensatz sind derart dosiert, dass darunter nie der erzählerische Zusammenhang leidet: Ausdrucksvoll ist nicht mehr der einzelne Ton, sondern der ganze Bogen. Solch einzigartige gestalterische Schönheit zeugt von einer Liebe zur Sache, die den Zuschauer direkt zu beseelen vermag.

Schon jetzt, als zukünftiger Chef, klinkt sich Petrenko in das philharmonische Composer in residence-Programm ein und dirigiert John Adams. „The Wound Dresser“, eine Vertonung von Walt Whitmans Beobachtungen als Arzthelfer im Amerikanischen Bürgerkrieg, berührt durch seinen zurückhaltenden Ausdruck bei der Beschreibung der Verletzten. Hier fanden Petrenko und der Solist Georg Nigl einen innigen Ton des Mitleids, der lange nachhallte.