Die Rampe gehört ihm: Benny Claessens spielt den Therapeuten mit narzisstischer Störung
Foto: Judith Buss

Berlin„Hallo. Ich bin gekommen, um Sie zu heilen“, sagt der Gruppentherapeut, fügt dann allerdings hinzu, „und ich leide unter einer kognitiven Verzerrung durch Überbewertung meiner Kompetenzen.“ In der Uraufführung von „Hass-Triptychon“, die in der Regie von Ersan Mondtag am Sonntag Berliner Premiere feierte, spielt Benny Claessens diese Rolle. Herausgekommen ist die Koproduktion des Gorki-Theaters im Mai bei den Wiener Festwochen, Sibylle Berg gewann für das Stück den diesjährigen Nestroy-Preis.

Der Therapeut ist in vertrauensbildendes Weiß gewandet von den Absatzschuhen bis zum hohen Hut, auch sein Wallehaar ist weißblond mit einem kleinen Grünstich. Gegen Ende wirft er seine Garderobe weitgehend ab und ist in seiner zuckenden Stattlichkeit von einem glitzernden Ölfilm überzogen. Ihm − Kerr-Preisträger und Schauspieler des Jahres 2018 − gehört die Bühne, ihm gehört irgendwie auch die Inszenierung und natürlich das Stück.

Welch ein Narziss  

Zumal er nicht nur über ein Tremolo verfügt, das mindestens so hübsch perlt wie das Kohlendioxid in seinen Weißweinschorlen. Auch seine Exaltiertheit und glamouröse Launenhaftigkeit verleihen ihm die für den Heilungsprozess offenbar nötige Macht. Zumindest die Rampe beherrscht er unerbittlich. Einmal akzentuiert ausatmen, und schon sinken die Mitspieler zu Boden. Nötigenfalls lassen sie sich auch mit einem vorgereckten Kinn von der Bühne schieben, aber achtkantig. Und wenn ihm irgendwas nicht passt, wird nach der Intendantin geschrien und mit Kündigung gedroht.

Bald schon wird klar, dass der lobenswert transparente Umgang mit seiner Selbstüberschätzung bei gleichzeitigem Kompetenzmangel nicht viel hilft, wenn der Führungsanspruch zugleich mit einer Vehemenz durchgesetzt wird, die an Sadismus grenzt. Welch ein Narziss!

Arme Trolle

Andererseits kann man froh sein, dass die anderen nicht auf die Idee kommen, mehr Gestaltungsspielraum zu beanspruchen, schließlich handelt es sich − wie man an den spitzen Ohren, den Fellfrisuren und der Ausgebeultheit unschwer erkennt − um Trolle. Trolle, wie man sie aus dem Märchen, aber seit ein paar Jahren auch aus den Foren des Internets und den Kommunikationskanälen der sozialen Medien kennt: vom angstgestörten und triebgesteuerten Pubertier, über die Teilzeitalkoholikerin (nur abends!) und den gegen den Verlust seiner Jugend kämpfenden Bürohengst bis zum weinkrampfgeschüttelten Katzenkadaverkuschler.

Ihnen, die da im Internet ihren Hass verbreiten, sich in aller Hasenherzigkeit aufspielen und doch nur Opfer ihrer Neurosen sind, gehört unser Mitleid. Sie sind − besonders der verhuschte, viel weinende, tapsige Bruno Cathomas − auch einfach sehr niedlich!

Bemitleidenswerte Trolle. Vorn: Bruno Cathomas
Foto: Judith Buss

Dabei handelt es sich doch um Geknechtete des Spätkapitalismus, die in entfremdeten Produktionszusammenhängen ihre Woche verbringen, sich auf den Sonntag freuen, an dem sie sich dann auf sich selbst geworfen in einem Existenzloch wiederfinden: zum Beispiel in einer Leichtbaucontainerbutze am Autobahnzubringer. Dieser ist allerdings − soviel Heimatliebe muss schon sein − „der schönste Autobahnzubringer auf der Welt. Niemand hat so einen perfekten Autobahnzubringer, an dem wir sitzen und unsere lokalen Gerichte verzehren und traditionelle Lieder singen. Familie bedeutet uns sehr viel.“

Apokalyptisches Feuerwerk

Das dreiflüglige Triptychon, das von der Farce mit Kabarettanteilen immer wieder, aber nur andeutungsweise zum Musical wechselt, trieft sowohl vor Empathie als auch vor Zynismus − und haut dem Publikum beides um die Ohren.  Schon die Anamnese ist ein Quell der niederträchtigsten Identifikationsangebote, die Diagnose stürzt einen wohlgelaunt in die Hoffnungslosigkeit, und im dritten Teil – der Therapie, wenn die Klienten endlich zum Ausleben ihrer Kränkungen, Störungen und Fantasien die nötigen Waffen in die Hand bekommen − donnert, blitzt und knattert der Bürgerkrieg los wie ein apokalyptisches Feuerwerk. Macht Spaß und befreit. Zumal die Niedergeschossenen immer wieder aufstehen, um sich neuerlich abzuknallen. Der Therapeut hat seine Schuldigkeit getan und wird zurückgeschickt, woher er kam: in die Kanalisation.

Das Internet ist eine Bühne

Ersan Mondtag hat die Fäden seiner ansonsten eher installativen Inszenierungsweise locker gelassen, es gibt Improvisationsgelegenheiten, die sich Claessens mit großem Appetit greift. Selbst die Chorstellen und die Gruppenchoreografien sind von wohltuender menschlicher Nachlässigkeit, die immer auch Raum für die Individualität der Schauspieler und ihrer Figuren lässt.

Es ist wie eine Wiederentdeckung: Allein das Spiel mit der Bühnensituation − wer darf wann ins Licht, wer muss zurückstecken, wird vorgeführt oder bleibt verwaist zurück − birgt einen unendlichen Metaphernreichtum. Mit ihm werden Machtspiele, Kränkungen und Einsamkeit mühelos kenntlich. Denn was ist das Internet − dieser Ursprung so vieler neuer Hoffnungen und unlösbarer Probleme − anderes als eine Bühne?

Hass-Triptychon. Wege aus der Krise Vorstellungen: 23.11., 6., 17.12. (19.30 Uhr), 1.12. (18 Uhr) im Maxim-Gorki-Theater Karten unter T.: 20221115 oder: www.gorki.de