Lord Knud.
Foto: EVENTPRESS / Mathias Krohn

BerlinMitte der 60er-Jahre wurde die Berliner Band The Lords, durchaus mit einer nicht zuletzt von den Medien forcierten Ernsthaftigkeit, als deutsche Antwort auf die Beatles gehandelt. Und tatsächlich hatten sie mit „Gloryland“ einen veritablen Hit, der dem Beat der Zeit recht nahe kam. Was zum Glanz der echten Beatles fehlte, kompensierten die Lords mit modischer Grandezza, The Lords hatten Spaß daran, den Bruch mit den Konventionen durch ein paar schöne Harmonien zu ergänzen.

Bassist der Lords um Bandleader Lord Uli war Knud Friedrich Martin Kuntze, kurz: Lord Knud. Er wurde 1944 in Leszno in Polen geboren, wohin seine mit ihm schwangere Mutter während der Bombenangriffe auf Berlin fliehen konnte. Lord Knuds Großvater väterlicherseits war der Verleger John William Kuntze, der zu Beginn des Jahrhunderts in Berlin den Reiseführer-Verlag Polyglott Kuntze Kosmos gegründet hatte.

„Schlager der Woche“

Lord Knud war gerade einmal 18 Jahre alt, als er bei den Skiffle Lords einstieg, aus denen wenig später mit einem Schuss Extravaganz die Lords wurden. Das alles gehört zur Vorgeschichte unbedingt dazu, zur West-Berliner Legende aber wurde Lord Knud gerade auch unter diesem Künstlernamen als Radio-Legende des Senders Rias. Durch einem Busunfall während einer Tournee der Lords wurde Knud Kuntze derart schwer verletzt, dass ihm das rechte Bein amputiert werden musste. Seine musikalische Kompetenz und die guten Kontakte zur vergleichsweise überschaubaren Szene verhalfen ihm nach seiner Genesung zum Quereinstieg in Jobs als Diskjockey, was ihn schließlich auch zum Rias brachte. Im Januar 1968 begann er seine Moderatorenkarriere in der Sendung „Schlagerkassette“, bei der er sich u. a. mit dem späteren Popproduzenten Jack White abwechselte. Zur West-Berliner Radiostimme, die ihre Ausstrahlung weit über die Berliner Mauer hinweg erzielte, wurde Lord Knud durch die Sendung „Schlager der Woche“, die er mit flotten Sprüchen garnierte und mit denen er oft hart an der Grenze zum Skandal segelte. Tatsächlich beendete der Rias die Zusammenarbeit mit Lord Knud 1986, nachdem einer seiner Sprüche als sexistisch eingestuft worden war.

Lord Knud, mit dessen Sprüchen viele junge Berliner popkulturell sozialisiert worden waren, war eine Figur der Berliner Bohème, mit der sich auch konservative Politiker der Stadt umgaben. In einer großen Reportage über Lord Knud schrieb Alexander Osang über ihn 1994 in der Berliner Zeitung: „Lord Knud moderierte Wahlkampfpartys für die CDU. Er puschte Lummer, Weizsäcker und Landowsky. Diepgen und Rexrodt gingen bei ihm ein und aus. In seinem Garten feierte er stadtbekannte rauschende Feste mit weißen Pferden, Stars und Luftballons.“ Jetzt ist Lord Knud im Alter von 76 Jahren in Berlin gestorben.