Die Rapperin Haiyti.
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BerlinMan erkennt Haiyti schon von Weitem, als sie zum verabredeten Interviewtermin erscheint: Ausgewaschene Jeansjacke über viel zu weitem Shirt. Übergroße Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht verdeckt. Silberne Bauchtasche, auf der in leuchtendem Neongrün der Begriff „Trapstar“ prangt – unverhohlen und stolz trägt sie ihr künstlerisches Selbstverständnis vor der Brust. Es ist Sonnabendmittag und Haiyti ist pünktlich. Sie scheint selbst ein bisschen erstaunt darüber zu sein.

Die 27-Jährige, die vor zwei Jahren aus ihrer Heimatstadt Hamburg nach Berlin zog und nun in Wedding lebt, hatte lange Zeit nicht gerade den Ruf weg, sonderlich strukturiert oder diszipliniert zu sein. Sie galt eher als launisch. Sprunghaft. Und extrem feierwütig. Keine Party, die sie ausließ, und jede Party ein Rausch. „Seit ich aus Hamburg weg bin, feiere ich nicht mehr so viel. Jetzt geht’s eigentlich. Obwohl“, gesteht sie, „letzte Woche hatte ich doch wieder einen Blackout.“ Sie muss lachen. So ganz ohne Exzess geht’s halt doch nicht. Dennoch wirkt Haiyti im Gespräch um einiges aufgeräumter als noch vor zwei, drei Jahren.

Das Interview findet in einem Café statt, nur einen Katzensprung von ihrer Wohnung entfernt. Haiyti bestellt einen Cappuccino, an dem sie in der Folge immer dann nippt, wenn sie über die Antwort auf eine Frage noch kurz nachdenken muss. Zum Beispiel darüber, was sich an ihrer Herangehensweise und Arbeitsmoral für das neue Album geändert habe. „Ich mache jetzt nicht mehr alles nur aus dem Bauch heraus wie früher. Heute will ich karrieretechnisch einen entscheidenden Schritt nach vorne machen – und zwar ganz bewusst.“ Sie wischt sich den Milchschaum von der Oberlippe und fügt hinzu: „Ich muss kein Weltstar werden. Aber in Deutschland würde ich gerne richtig gesehen werden.“ Kurze Pause, ein Schluck vom Cappuccino. „Haiyti: Trap Boss – dieser Titel würde mir schon reichen.“ Sie lacht erneut. Aber ihr fester Blick durch die riesige Sonnenbrille hindurch verrät, dass sie es damit durchaus ernst meint.

Bereits in den ersten Minuten des Treffens merkt man, was Haiyti umtreibt und ihr wie ein Betonklotz auf der Seele liegt: nämlich der Umstand, dass sie sich als Künstlerin nach wie vor missverstanden fühlt. Unterbewertet. Nicht richtig wahrgenommen. Der berüchtigte Gangstarapper Bacapon, den sie noch aus ihrer Zeit in Hamburg kennt, habe ihr mal gesagt, das Problem sei ihr Name. Denn Haiti, das sei schließlich eine verfluchte Insel: Naturkatastrophen, Krankheiten, Krisen. Und Haiyti findet sich in der Kernaussage hinter dieser These durchaus wieder. „Ja, es hätte bisher insgesamt durchaus besser laufen können. Aber ich muss zugeben: Dieses Bild von der düsteren Insel gefällt mir“, sagt sie. Dennoch sei es nun an der Zeit, den Fluch mit ihrem neuen Album „Sui Sui“ endlich zu brechen. Und die Songs haben durchaus das Potenzial dazu.

Bereits beim ersten Durchlauf des Albums stellt man fest: Hit reiht sich an Hit. Haiyti gelingt es, aus ihren assoziativ wirkenden Wortsalven süchtig machende Hooklines zu zimmern, die sich einem wochenlang ins Ohr brennen. Gleichzeitig schafft sie es jedoch, den unbestrittenen Pop-Appeal nicht in seichter Oberflächlichkeit aufgehen und dadurch im Nichts verpuffen zu lassen. Denn ihre steviasüßen Melodien kombiniert sie stets mit einer Mischung aus großspuriger Gangster-Attitüde und suizidaler Melancholie, die sie wiederum perfekt auf knochenharte Beatgerüste stapelt. Und wenn sie nicht gerade ignorant auf den Takt spuckt, singt sie mit einnehmender Eindringlichkeit. Einsam und düster klingt ein Großteil der Stücke, zerbrechlich und zärtlich. Und Haiyti umschmiegt sie mit größtmöglichem Einfühlungsvermögen, so als würde sie sich dadurch selbst Trost spenden. „Ich konstruiere die Songs jetzt viel bewusster und krähe nicht mehr alles spontan raus wie früher“, verrät sie. Diese Weiterentwicklung hört man den neuen Stücken allesamt an – und das macht „Sui Sui“ unwidersprochen zum bisher stärksten Release in Haiytis Diskografie.

Fünf Jahre ist es mittlerweile schon her, als Haiyti mit ihrem Debütalbum „Havarie“ auf der Bildfläche erschien; die Platte einer Künstlerin, von der damals allerdings noch kaum jemand Notiz nimmt. Das ändert sich jedoch schlagartig ein Jahr später: Ihre „City Tarif“-EP macht in Auskennerkreisen schnell als Geheimtipp die Runde – und beschließt das Jahr 2016 als absolutes Ausnahme-Release. Fortan gilt Haiyti als aufsehenerregende Newcomerin, die aufgrund ihrer beeindruckenden Bandbreite für Höheres bestimmt zu sein scheint. Eine szeneinterne Erwartung, die sich in der Folge jedoch nur bedingt erfüllt. „Warum es bei mir bisher nie zum ganz großen Durchbruch gereicht hat, darauf hatte bisher noch niemand eine zufriedenstellende Antwort“, sagt sie. Auf ihrem „Montenegro Zero“-Album von 2018 hat sie diesen Umstand bereits perfekt auf den Punkt gebracht: „Ich hab 100.000 Fans, die mich noch nicht kennen“ – Musik mit Mass-Appeal, die jedoch nicht so recht zur Masse durchdringt. 2020 scheint nun die Zeit gekommen zu sein, sich dieser Masse endlich richtig vorzustellen. 100.000 Fans warten. Mindestens.

Eine nachvollziehbare Erklärung für den Mangel an Erfolg habe sie nicht, sagt Haiyti. Aber womöglich liegt es einfach daran, dass sie als Künstlerin für viele bis jetzt nicht so recht zu greifen ist. Ihre Attitüde war immer irgendwie Gangster, ohne dabei jedoch bedrohlich zu wirken. Gleichzeitig waren viele ihrer Songs unwiderstehliche Hits, die trotzdem wie hingerotzt klangen. Die letzten beiden Alben erschienen alle bei einem Major-Label, trotzdem war ihr Ansatz nach wie vor DIY. Haiyti ist einfach nicht die Art Künstlerin, die einer klaren Linie folgt. Das war sie noch nie. Das macht sie ja auch so eigen – aber eben auch weniger zugänglich für ein breites Publikum.

Und diese Inkonsistenz hat Methode: Als sie als Jugendliche zu rappen anfängt, tut sie das zuerst als Miami. Irgendwann nennt sie sich jedoch um und tritt in der Folge unter dem Künstlernamen Robbery auf. Dann folgt die Namensänderung in Ovadoze – bis sie sich schlussendlich und bis heute Haiyti nennt. Dennoch lässt sie die anderen Aliasse in ihren Songs nach wie vor immer mal wieder fallen. Und es ist genau diese Flatterhaftigkeit, die es einem so schwer macht, sie als Künstlerin zu fassen.

Auch das Gespräch ist durchzogen von dieser Unbeständigkeit. Viele angedeutete Antworten bringt Haiyti nicht zu Ende. Innerhalb eines Halbsatzes springt sie gerne mal abrupt von einem Gedanken zum nächsten. Die Beantwortung von Fragen als Grundlage eines Interviews scheint genauso obsolet wie das Folgen eines roten künstlerischen Fadens oder das Einhalten vermeintlicher Genregrenzen. Die Vermutung liegt daher nahe, dass der Grund für den bisher verpassten ganz großen Sprung ihrer Sprunghaftigkeit geschuldet ist.

Doch dieses Mal könnte, ja, sollte alles anders werden. Denn die Songs, die Hooks und die Melodien bringt sie allemal mit. Nun, mit ein bisschen mehr professioneller Struktur und dem unbedingten Willen, es endlich allen anderen und vor allem sich selbst zu beweisen, stehen die Zeichen zum ersten Mal so gut, dass es schon mit dem Teufel oder dem eingangs erwähnten Fluch zu tun haben müsste, wenn sie nicht endlich das nächste Level erreichte. 100.000 Fans wollen sie endlich kennenlernen.