Sein Großvater war ein Nazi. Der Satz gilt für Totila Blumen. Der Holocaustforscher ist eine der Hauptfiguren in dem Film „Die Blumen von gestern“. Der Satz gilt auch für Chris Kraus, den Regisseur und Drehbuchautor des Films. Sein Großvater war für die SS im Baltikum im Einsatz. Er habe ein enges Verhältnis zu ihm gehabt, sagt Kraus. Niemand ist für die Taten seiner Vorfahren verantwortlich.

Chris Kraus, 1963 in Göttingen geboren, hat als Grafiker gearbeitet, Geschichte studiert, parallel dazu Literaturwissenschaften, später Regie. Er schreibt lange schon Drehbücher, zum Beispiel für die West-Ost-Fernsehserie „Motzki“, veröffentlichte mit „Scherbentanz“ 2002 seinen ersten Roman, verfilmte ihn selbst. Der Roman handelt von einer heiklen Mutter-Sohn-Beziehung in einer Extremsituation.

Richtig bekannt wurde Chris Kraus mit dem Film „Vier Minuten“, in dem Monica Bleibtreu als Klavierlehrerin einer jungen Strafgefangenen (Hannah Herzsprung) die Freiheit und den Ernst der Kunst vermittelt. 2007 bekam er die Hauptauszeichnung beim Deutschen Filmpreis dafür. Zehn Jahre später, an diesem Freitag, tritt Kraus in derselben Kategorie gegen „Toni Erdmann“ und „24 Wochen“ an.

Die Doppelrolle

Sollte Chris Kraus deswegen irgendwie nervös sein, weiß er es gut zu verbergen. Unverschämt urlaubsbraun wirkt er in diesem winterlichen April, als wir uns in Berlin-Moabit zum Gespräch treffen. Zwischen der Leipziger Buchmesse, wo er seinen Roman „Das kalte Blut“ vorstellte, und der Lola-Verleihung war er in der Toskana. Das 1 200-Seiten-Buch, Ende März erschienen, braucht jetzt eigentlich alle Aufmerksamkeit. Andererseits gehört wegen der Nominierung auch der Film in den Fokus.

Fühlt er sich hin- und hergerissen in seiner Doppelrolle als Schriftsteller und Filmemacher? „Nein. Das sind zwar in der Wahrnehmung zwei getrennte Welten. Für mich gehören sie zusammen“, sagt Chris Kraus. „Ich erzähle Geschichten. Ich habe das große Glück, zwei verschiedene Medien dafür zur Verfügung zu haben.“ Und es wirkt wie ein Witz, wenn er bemerkt, „Die Blumen von gestern“ seien im Grunde ein Nebenprodukt. „Ich bin ja selber so eine Art Holocaustforscher gewesen. Das Drehbuch habe ich eigentlich zur Ablenkung geschrieben. Die Figuren, die ich im Film zeige, sind mir ständig über den Weg gelaufen.“

Extreme Figuren

Es sind schon ziemlich extreme Figuren. Jener Totila Blumen will, getrieben von der Schuld seines Großvaters, der perfekte Wissenschaftler sein und streitet ständig mit seinem Chef. Sie arbeiten an der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Der Chef engagiert seine Geliebte aus Frankreich, Zazie, als Praktikantin. Totila und Zazie geraten sofort aneinander, denn auch sie erscheint als Getriebene: Ihre Großmutter ist von den Nazis ermordet worden. Groteske Szenen mit bösem Witz und Slapstick-Humor prägen die erste Hälfte des Films, später sickert immer mehr Ernst in die Handlung. Die Kritik war gespalten, sehr begeistert oder sehr enttäuscht. Einige warfen Kraus Unentschiedenheit vor. „Menschen sind aber auch so zerrissen“, sagt er. „Ich hänge nicht an Genres. Für mich kann eine Geschichte gleichzeitig tragisch und dramatisch und komisch sein.“