Berliner Schloss: Alles ins Lapidarium

Wer sich Andreas Schlüters Tätigkeit in der neuen Ausstellung im Bode-Museum ansieht, erfährt im Raum mit den eleganten Skulpturen aus der Alten Post: Es werden keineswegs alle irgendwie transportablen Reste seiner Tätigkeit gezeigt. Nur „ansehnliche“ Objekte sollten gezeigt werden. Ganz ähnlich eingeschränkt ist auch das Konzept für das so genannte „Lapidarium“, das künftig an Stelle des großen barocken Treppenhauses im Schlossnachbau eingerichtet werden soll. Auch dort sollen nur die hübschen Teile ausgestellt werden. Dabei sind es doch gerade die zerschrundenen Oberflächen, die von der harten Geschichte dieses Riesenbaus erzählen.

Noch fataler ist, dass einzelne originale Architekturdekors direkt in die nachgebauten Fassaden eingefügt werden sollen. Dabei gibt selbst Wilhelm von Boddien, unermüdlicher Kämpfer für den Nachbau, zu, dass kaum ein Prozent der Schmucks noch im Original überliefert ist. Auch die Pläne, die in der Schlüterausstellung zu sehen sind, zeigen nur hier mal ein Pünktchen, dort mal eines. Das Berliner Schloss ist eben nicht die Dresdner Frauenkirche, die immerhin zu etwa einem Drittel aus originalen Steinen wieder errichtet werden konnte. Selbst an den Säulenaufbauten im Pergamonmuseum ist mehr originale Substanz vorhanden.

Unweigerlich wird bei der Verwendung originaler Bauteile an den Fassaden weitere historische Substanz zerstört werden. Die Steine müssen beschlagen werden, damit sie fest verankert sind, Wind und Wetter zerren dann wieder an ihnen. Warum dieser Aufwand? Die Fassadenfreunde hoffen, dass von den originalen Teilen eine Kraft ausgeht, die dem Projekt eine höhere Weihe verleiht. Auch die aufwachsenden Betonwände des Schlossnachbaus haben die Spenden ja nicht anschwellen lassen, wie immer wieder versprochen wurde. Kaum mehr als ein Viertel der 80 Millionen Euro, die Wilhelm von Boddien dem Bundestag liefern wollte, sind aufgetrieben.

Also übernimmt man nun Werbestrategien des Mittelalters und der katholischen Gegenreformation: Was damals Fingerknöchelchen waren, sind beim Berliner Schlossnachbau die möglicher Weise einmal von Andreas Schlüter mit einigen Tropfen Schweiß benetzten Stückchen Stein. Zunehmend wird der Bildhauer durch solche Strategien zum über aller realen Geschichte stehenden Heros entrückt. Dabei war er aller Überlieferung nach ein ganz nüchterner Mann.

Die Reste des Schlosses gehören ausgestellt. Als Reste realer Geschichte, nicht als anzubetende Fragmente irgendwo hoch oben im Gebälk des Schlosses verbaut.