Johannes Öhmanund Sasha Waltz (Archivbild).
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BerlinWas wird aus dem Staatsballett Berlin? Das ist die bange Frage, die die Akteure der Tanzwelt umtreibt, seit der Noch-Co-Intendant Johannes Öhman Mitte Januar überraschend bekannt gab, dass er nach nur eineinhalb Jahren sein Amt niederlegen werde. Alle wurden davon kalt erwischt. Sogar Mit-Intendantin Sasha Waltz.

Das Fatale an dieser Entscheidung für Berlin ist und bleibt: Mit Waltz und Öhman fing das Staatsballett endlich an, das zu sein, was es sein sollte: Eine Compagnie, die einerseits das klassische Erbe pflegt und zeitgenössische Ballettkunst auf der Höhe der Zeit präsentiert − so wie zuletzt etwa mit Arbeiten von Sharon Eyal und Alexander Ekman.

Öhmans abrupter Abgang weist auf Probleme hin

Berlin will und braucht so eine Ballettkunst. Das hat unter anderem der Run auf diese Stücke gezeigt. Die verstaubte Ballettprinzenwelt von Vladimir Malakhov, der 2004 der erste Staatsballett-Intendant wurde − und, zugegeben, das Berliner Ballett damit zunächst aus einem katastrophalen Tief herausholte, es dann aber damit über ein Jahrzehnt eher traurig prägte − die seichte Unterhaltung seines Nachfolgers Nacho Duato, die ganze elende Geschichte voller Fehlentscheidungen in den Neunzigern, bis es überhaupt zur Fusion der drei Ballettcompagnien der Stadt kam: Das alles schien endlich überwunden.

Der Weg in eine gute Zukunft schien gefunden. Zumindest nach außen war das der Fall. Intern muss es viele Probleme gegeben haben, sonst wäre Öhman trotz aller privaten Interessen wohl kaum so abrupt gegangen.

Christiane Theobald wird das Interim übernehmen

Aber was geschieht jetzt? Am heutigen Montag wird der Kulturausschuss im Abgeordnetenhaus über so gut wie nichts anderes als das Staatsballett debattieren. Im Vorfeld hat die Kulturverwaltung nun den aktuellen Stand der Dinge bekannt gegeben: Öhman und Waltz werden beide das Staatsballett zum Ende der Spielzeit verlassen. Es soll hierzu nun auch mit Waltz eine einvernehmliche Regelung geben.

Christiane Theobald, stellvertretende Ballettintendantin schon seit Malakhov, wird das Interim übernehmen, bis eine Nachfolge gefunden ist. Das war bereits angekündigt und ist wohl in dem Chaos und Vakuum, das entstanden ist, die einzige vernünftige Lösung. Die Spielzeit 2020/21 wurde noch von Waltz und Öhman geplant und hat mit einer abendfüllenden Uraufführung von Alan Lucien Øyen und einem Ballett von Wayne McGregor echte Schwergewichte im Programm.

Lederer wird Expertenkommission einberufen

Die wichtigste Entscheidung, die der Kultursenator Klaus Lederer getroffen hat, betrifft die Weise, wie jetzt die Zukunft des Staatsballetts entwickelt wird. Lederer wird nicht dem schlechten Beispiel seiner Vorgänger folgen und sich selbst als Tanzkenner versuchen.

Er wird eine Expertenkommission einberufen, die die Aufgabe haben wird, die Situation zu analysieren und, bevor Namen ins Spiel gebracht werden, überhaupt grundsätzlich zu überlegen, welche Art von Intendanz das Staatsballett eigentlich braucht. Der Weg, der mit Öhman und Waltz eingeschlagen haben, davon darf man ausgehen, wird nicht verlassen.

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Die große Frage ist, wie die Compagnie selbst die Veränderungsprozesse mitträgt. Dafür muss es einbezogen werden und darf nicht wieder über eine Pressekonferenz von der Berufung einer neuen Intendanz erfahren. Das hat Lederer den Tänzern schon zugesichert.

Doch so durchgeschüttelt die Tänzerinnen und Tänzer nun auch sein mögen, die Wiedererrichtung der Ballettwelt von vorgestern wird es nicht geben. Dass diese Zeit vorbei ist und vorbei sein muss, das zeigen nicht zuletzt die aktuellen Vorwürfe gegen die Staatliche Ballettschule Berlin.

Die Ausgliederung wäre ein fataler Schritt

Womit sich die Expertenkommission wird beschäftigen müssen, sind auch die Strukturen des Staatsballetts, das das schwächste Glied in der Opernstiftung ist. Anders als die drei Opern besitzt das Ballett kein eigenes Haus. Das führt zu großen Schwierigkeiten. Rütteln sollte man an dieser Konstruktion trotzdem nicht. Die Bespielung aller drei Opernhäuser verschafft auch dem Staatsballett Renommée. Die Ausgliederung, ein eigenes Haus, wie es jetzt in der Krise wieder durch einige Köpfe geistert, wäre ein fataler Schritt.

Der Traum vom Tanzhaus, mit dem Staatsballett als führende Kraft etwa im Schiller-Theater: So etwas kann, wenn alles gut, eine Option für die Zukunft, für einen Ausbau und eine Erweiterung sein. Aber jetzt − dafür sollte der derzeitige Umbruch als Chance begriffen werden −steht erst einmal etwas anderes an:   Eine gute Konstruktion für das Staatsballett in seinen jetzigen Strukturen mit einer Intendanz, die ihren Aufgaben gewachsen und tatsächlich imstande ist, das zu erfüllen, was sich Waltz & Öhman vorgenommen hatten: Eine Verbindung von klassischer und zeitgenössischer Ballettkunst auf höchstem Niveau.