Das Stärkste an der neuen „La Traviata“, die die Staatsoper am Sonnabend im Schiller-Theater vorstellte, ist die Stille. Vom ersten Bild an hat Dieter Dorn seine Inszenierung unter die Idee der vergehenden Zeit gestellt: Von Anfang bis Ende rieselt Sand aus einem Sack herunter, die schwindsüchtige Kurtisane Violetta steht oft vor dem Spiegel, der die Bühne beherrscht und hinter der ihr oft ein Totenschädel entgegenstarrt. Er wird gebildet durch eine körperliche Figuration von acht Bewegungskünstlern in hautengen Kostümen, die sich in stumme Personifikationen des Todes auflösen und so regungslos wie drohend zuweilen im Raum stehen.

Momente der Stille

Abseits der symbolischen Ebene wird dem Zuschauer das Vergehen der Zeit bewusst gemacht, indem Dorn ohne Pause spielen lässt, die vier Bilder aber durch lange Zäsuren bei offenem Vorhang trennt – auch insofern ungewöhnlich, als sich „La Traviata“ nicht an die Einheiten von Zeit und Ort hält. Dies sind die eingangs benannten Momente der Stille, stark durch das Fehlen von Verdis rhythmisch so energischer, die Zeit entschlossen in den Griff nehmender Musik. In der Stille fällt man aus der gegliederten in die formlose Zeit, man blickt wieder auf den Sand, der aus dem Sack rieselt und die Gestaltlosigkeit dieser Stille ins Bild setzt.

Dorn inszeniert mit mythischen Bildern gegen den Realismus der „Traviata“ an. Was aber kann das mythische Bild in seiner Allgemeingültigkeit über diese spezielle Geschichte mitteilen? Die Zeit vergeht für alle Menschen, und wir wissen weder Tag noch Stunde. Dafür bleibt die soziologische Konstellation – Kurtisane, Adel, Bürgertum – vollkommen unbeleuchtet und geht in buntem Partytreiben auf. Natürlich kann Dieter Dorn Dialogszenen schlüssig und interessant inszenieren – aber seine Vanitasperspektive bietet im Grunde wenig Raum für das, was Verdi auf der Grundlage des Romans von Alexandre Dumas des Jüngeren eigentlich erzählen wollte: Eine Geschichte über Moral und gesellschaftliche Spannungen. Violettas Sterben und Tod ist ganz gewiss nicht das Thema der Oper.

Seine Konzeption zwingt Dorn dazu, alle anderen Figuren außer Violetta an den Rand zu drängen. Das ergibt bei den Party-Szenen zuweilen surreale Eindrücke, weil die Figuren zwar sehr individuell und auffällig gewandet sind, aber je auffälliger sie sind, desto weniger bedeuten sie für die Handlung. Das gilt sogar für die wichtigsten Figuren, den mausgrau bis schwarz gekleideten Angestellten-Typ Alfredo und seinen im hellen Tweed-Anzug daherkommenden Vater Giorgio Germont: Sie bringen die Geschichte in Gang, aber bleiben trotzdem Randfiguren: Sie sterben eben nicht und haben mit Violettas Sterben auch nichts zu tun – deren Infektion liegt ja in der Vorgeschichte.

Mit dieser Rolle am Rand müssen sich Vater und Sohn auch aufgrund ihrer schwachen Besetzung zufriedengeben: Abdellah Lasri als Alfredo ist ein gedrungener Durchschnittsmann, den die weltgewandte Kurtisane schlicht übersehen würde. Auch stimmlich macht Lasri an diesem Abend nicht auf sich aufmerksam, sein Tenor strahlt erkältet-schlechte Laune aus, keineswegs Erotik. Das ist bei Simone Piazolla als Vater Germont ein bisschen anders: Wenn er Violetta sagt, dass sie sich von seinem Alfredo trennen soll, um der Familie Germont keinen Skandal zu machen, vermag er dennoch eine innere Nähe zu ihr aufzubauen, die interessant ist – aber erkauft mit dem Eindruck unwahrscheinlicher Jugend; tatsächlich ist Piazolla drei Jahre jünger als der Sänger seines Sohnes.

Stimmlich werden beide hoffnungslos überstrahlt von Sonya Yoncheva. Lange als Stammeinspringerin von Anna Netrebko betrachtet, gilt die dreiunddreißigjährige Bulgarin ihr mittlerweile als mindestens ebenbürtig. Und in der Tat besticht sie durch hinreißenden, dabei stets präzise gefassten Schwung – geprägt wohl durch langjährige Erfahrungen mit Alter Musik –, eine in allen Registern warme, aber auch zu überraschenden Schattierungen fähige Sopranstimme scheinbar ohne Grenzen. Dafür und für ihre bühnenbeherrschende, aber niemals divenhafte Ausdruckspräsenz gab es zu Recht langanhaltenden Beifall.

Konsequent durchgearbeitet

Zusammen mit Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle servierten sie die allbekannten Wunschkonzert-Melodien der „Traviata“ erstaunlich frisch. Barenboims Lesart weiß um die rhythmischen Triebkräfte der Partitur, lässt sich aber davon das klangliche Feinschmeckertum nicht verderben – mit zuweilen grandiosen Ergebnissen wie dem zerbröselnden Liebesthema kurz vor Ende, das in einer heiklen Solokombination durch einen raffiniert kitschnahen Streicherschleier erscheint.

Insgesamt wirkt Barenboims Interpretation bemerkenswert konsequent durchgearbeitet. Wie stark die Stille wirkt, spürt man immer dann wenn sie unterbrochen wird. Gute Stille braucht gute Musik um sich herum.