Berlin - Ein bisschen Unmut, ja einen Herzdrücker, inmitten der Freude über dieses Kunstgeschenk, das der Berliner Senat und die Kulturstiftung der Länder finanzieren und das der Berliner Fotograf Manfred Hamm dem Stadtmuseum überlässt, gibt es doch: die Corona-Sperre. Der Lockdown. Und damit die Schließung aller Museen. Was verhindert, dass wir diese immense Fotoserie aus 40 Jahren komplett sehen könnten.

Der 76-jährige Hamm hat sich seit Ende der 1970er-Jahre mit meist preisgekrönten Fotobänden international einen Namen gemacht. Sein großes Thema ist die Vergänglichkeit – festgehalten in über 20.000 Negativen. So berühmt wie unverwechselbar sind etwa seine Schwarz-Weiß- und auch Farb-Serien der Ruinen des europäischen Industriezeitalters, Orte des Handels und der Kulturbauten.

Foto: Manfred Hamm/Archiv/Stiftung Stadtmuseum
Eine Dada-Legende: die gealterte Avantgardistin Hannah Höch, 1975.

Die Fotografie-Geschichte nennt diese Aufnahmen „die antiken Stätten von morgen“. Keine bunten Bilder aus der schönen neuen Welt, eher ein etwas kurioser, auch schräger Abgesang auf die Ära der Großindustrie. „Tote Technik“, Industrieruinen, auch außerhalb Berlins verlassene Häuser in gottverlassenen Gegenden; Auto- und Flugzeugfriedhöfe, mit denen Hamm zum Pionier einer neuen Ästhetik wurde, die sich heute einer Schar von jungen Nachahmern erfreut.

Foto: Manfred Hamm/Archiv/ Stiftung Stadtmuseum
Die Rückseite der Neuen Synagoge in Mitte, 1999.

Das Lieblingsrevier für solche Exkursionen war für Hamm Berlin. Geboren wurde er 1944 bei Zwickau. 1955 floh seine Mutter mit ihm in den Westen. Seitdem war West-Berlin seine Wahlheimat, das „absurde Mauertheater“, wie er es nannte. 1989 dann die ganze, mauerlose Stadt, samt ihrer leer gewordenen Gründerzeitfabriken, diesen alten morbiden Industriekathedralen, der Museumsinsel, der Brücken und alten Bahnhöfe.

Hamms Lebenswerk stellt einen einzigartigen Bildfundus zur Geschichte und Architektur der Stadt dar, fotografiert in den Jahren 1972 bis 2010. Da finden sich Stadtbilder, Luftbildaufnahmen, auch Ansichten von Parks und Gärten samt Besitzern. Ein Motiv zeigt etwa die alte Dadaistin Hannah Höch in ihrem verwunschenen Blumenreich in Heiligensee. Daran schließen sich sensible Porträts diverser Berliner Künstlerinnen und Künstler an. Hamm hatte diese Persönlichkeiten über die Jahre begleitet. Von unschätzbarem Wert für die museale Arbeit sind auch seine rund 1700 brillant ausgearbeiteten Handabzüge, die nun für diverse Ausstellungen zur Verfügung stehen, sobald dies in Zeiten der Pandemie wieder möglich ist. Zudem überlässt Hamm dem Museum alle Verwertungsrechte.

Foto: Manfred Hamm/Archiv/Stiftung Stadtmuseum
Umspannwerk Wilhelmsruh, 1992.

Als geradezu ideal bewerten Museologen den Neuzugang dieses Konvoluts eines Perfektionisten seines Fachs im Kontext des bis ins Jahr 1874 reichenden Sammelschwerpunkts des Stadtmuseums Berlin als zentrale Institution für hochwertige, künstlerisch-dokumentarische Berliner Stadtbildfotografie von der Gründerzeit bis heute. Mit seinen auf der Basis großformatiger Negative entstandenen Bildern der sich wandelnden Metropole schließt Hamm eine Lücke im Bestand des Museums.

Hamm gehört zu den Autorenfotografen, seine Arbeit steht für Fotokunst und Dokumentation eines subjektiven Sehens, nicht einer nach Auftragswünschen gemachten Fotografie. Dieses Werk entstand in eigenem Auftrag und gab der Gattung der Stadtfotografie neue Impulse. Mit den schnellen, leichten Digitalkameras kann er sich nicht anfreunden, zu leicht sind sie, zu schnell und zu oberflächlich. Hamms Fotos haben Gewicht – sozial, historisch, Bedeutung und Tiefe. Sie machen nachdenklich.

Foto: Manfred Hamm/Archiv/Stiftung Stadtmuseum
Manfred Hamm: Anatomisches Theater der Charité, einst Hörsaal der  Sektion Veterinärmedizin, 2002.

Dieser Mann, der sein Tun unbeirrt von der Dudenschreibweise mit „Ph“ schreibt, also der guten alten „Photographie“ die Fahne hält, durchstreifte Berlin bepackt mit Stativ und seiner schweren, klobigen Großformatkamera Plaubel PS 7/433. Seine Filme schleppte er in 50 Doppelkassetten herum, deren Inhalt ergab 100 Aufnahmen. Dafür brauchte er einen unverzichtbaren Rucksack. So arbeiteten Fotografen seit Mitte des 19. Jahrhunderts und vor 100 Jahren: Louis Daguerre, Eugène Atget, August Sanders, Ansel Adams, Erich Salomon.

Und so gesehen steht Manfred Hamm auch in der Tradition namhafter Fotografen wie Leopold Ahrendts, F. Albert Schwartz, Hermann Rückwardt und Max Missmann, deren Arbeiten den Grundstock der Fotografischen Sammlung des Stadtmuseums bildeten. 2014 stellte Hamm die Kamera letztlich beiseite. Zeit zum Resümee. Sechs Jahre später ist sein Werk museumsreif. Was für ein Gewinn für Berlin.

Der Hamm-Ankauf wird in den nächsten Jahren digitalisiert. Erste Fotomotive zeigt die Bildergalerie der Website des Hauses: https://sammlung-online.stadtmuseum.de