Nach der Wende hat sich der Westbär als Wappentier der Hauptstadt durchgesetzt. Sein östliches Pendant unterschied sich in in Form und Farbe. 
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BerlinDer Ostbär hat auf jeden Fall die längere Zunge. Sie ist dünn und lang und sehr rot. Er züngelt, als wollte er wie ein Frosch Insekten fangen. Ist der Bär ein verkleideter Frosch? Wenn es um seine Größe, seine Bedeutung geht, ist Berlin besonders nah am Wasser gebaut. Flüsse, Seen, Kanäle und Gewässer machen einen großen Teil seiner Stadtfläche aus. Der Frosch wäre als Wappentier nicht unangebracht, er würde die Stadt vor Eintagsfliegen schützen. Bis zur Wiedervereinigung gibt es einen Ostbären und einen Westbären auf den jeweiligen Stadtwappen.

Ostberliner Bär ist mehr Zirkusjongleur

Der Ostbär hat, wie gesagt eine längere Zunge, wirkt insgesamt gedrungener, dafür wirken seine Tatzen zierlicher als die des Westkollegen. Der wiederum kommt im Rumpf schlanker daher, hat als Zitat des lebenden Tieres einen Schwanzstummel und dickere Arme. Die Krallen leuchten blutgefärbt, das aufgerissene Maul mit der kleineren Zunge ist von scharfen Zähnen gefasst. Wie er auf seinem silbernen oder weißen Schild steht, hat er was von einem Karatekämpfer, der Ostberliner Bär ist mehr ein Zirkusjongleur, er wirkt gemütlicher. „Probiers mal mit Gemütlichkeit“, singt Balu, der Über-Bär im Dschungelbuch.

Der Ostbär mit der etwas längeren Zunge geht auf das Jahr 1934 zurück. Er nahm die Formen eines zehn Jahre älteren Vorgängers auf
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„Dit is Berlin“, schrie Henry Hübchen immer in „Pension Schöller“, der ersten Berlin-Komödie der Castorf-Volksbühne. Dieses Berlin war eine kuschlige Blase, bis es mehr und mehr in internationale Fahrwasser geriet und massenhaft Touristen anlockte, arme sexy Partystadt.

Längst sind die Maskottchen-Bären aus dem Zwinger am Märkischen Museum verschwunden, er behaust jetzt eine Kunstgalerie. Dabei ist der martialische Westbär mit seinen blutroten Krallen erst seit 1954 im Einsatz, der Ostbär dagegen stammt noch von 1934 und hat sich aus einem viel zotteligeren Bären von 1924, der Babylon-Berlin-Zeit, herausstilisiert. Ihm wurden die Krallen gestutzt.

Ost- und Westbär traten zum ersten Mal auf einer Postkarte gemeinsam in Erscheinung, die die Initiative „Weltkulturerbe Doppeltes Berlin“ bewarb. Dieses von Architekten um Arno Brandlhuber initiierte Kunstprojekt war Teil einer Ausstellung über Architektur und Ideologie mit dem Titel „Between Walls und Windows“, 2012 am Haus der Kulturen der Welt. „Das Doppelte Berlin“ versammelte unter der These, dass es, bedingt durch die Teilung, zwei Berlins gibt und damit viele Kultur und Verwaltungsbauten in zweifacher Ausfertigung, unfreiwillige Paarkonstruktionen.

Ziel des augenzwinkernden Projektes war es, das Doppelte Berlin auf die Liste der Unesco-Weltkulturerbestätten zu hieven. So wurde die Kongresshalle am Alexanderplatz, jener visionär Das-Runde-Muss-Ins-Eckige Bau der schwebenden Flügelarchitektur der Schwangeren Auster am Tiergarten gegenübergestellt, die Volksbühnen Ost und West, die großen Bibliotheken, Universitäten, Opernhäuser, Springer-Hochhaus und Hochhäuser der Fischerinsel, Funkturm, Fernsehturm, Hansaviertel und Stalinallee, ein verspieltes Berlin-Memory aus architektonischen Pärchenbildungen.

Kulturelle und architektonische Doppelung

Aber nicht nur. In der Ausstellung konnte man per Video die Bimmelbahnen im Britzer Garten und in der Wuhlheide vergleichen, die sich in ihrer Gartenzwerghaftigkeit aufs Niedlichste ergänzten.

Interessant war auch ein Video, das die Zebras in Zoo und Tierpark beobachtete, ein Hinweis darauf, dass es jenseits der Architektur auch lebendige, kulturelle Dopplungen in der Stadt gab. Und überraschende Unterschiede, wie die Farbe des Grases in Ost und West, einerseits leuchtend, andererseits eben nicht.

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Jenseits der Ideologie der Architekturen ist die Baugeschichte des geteilten Berlin weitaus komplexer, dialogisch mehr als dialektisch. Wie viel wurde vom Zuckerbäckerstil der Karl-Marx-Allee geschrieben und die kühle Moderne der internationalen Stararchitekten im Hansaviertel dagegengestellt, Aufmarschgebiet gegen Schlafstadt. Tatsächlich widerlegte bereits der dritte Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee die These mit eigenen Stil-Ikonen der kalten Moderne, den Kinos International und Kosmos, Café Moskau, Hotel Berolina, die ihrerseits stilistisch eine Art Ost-Hansaviertel bilden.

Fünf stilisierte Wehrtürme Hochhäusern ähnlich

Und auch die beiden Bärenburschen sind sich doch sehr ähnlich. Was die Wappen unterscheidet, sind eher die Aufsätze auf den Wappenschildern, die auf der erwähnten Postkarte fehlen. Im Westen ist das eine fünfblätterige Laubkrone deren Stirnreif als Mauerwerk mit einem geschlossenen Tor in der Mitte ausgestattet ist. Der ältere Entwurf, der in der DDR verwendet wurde, trägt fünf stilisierte Wehrtürme als Krone, die den Bebauungsplan für den Alexanderplatz mit den Hochhäusern vorwegzunehmen scheint. Für das wiedervereinte Berlin wurde 1990 der jüngere Westbär übernommen.

Wappen repräsentieren das Selbstbild der Stadt. Lange Zeit hat sich der Bär das Wappen mit den flatternden Adlern Preußens und Brandenburgs teilen müssen, bis es sich ausgeflattert hatte, die Adler Federn ließen und der Bär ihnen die Zunge rausstrecken konnte als Alleinstellungsmerkmal einer Stadt, die sich ihrer selbst immer wieder vergewissern muss. Klaus Wowereits bunte Buddy Bären geben davon ein beredtes Bild.

Michael Busch ist Experimentalfilm-Regisseur und Musiker. Er verantwortet die Bewegtbildsparte des Projektes Modell Berlin.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.