Im Stile Warhols: Michael Schultz vor dem Gemälde „Amanda as Marilyn (Red)“ des Künstlers David LaChapelle, das die New Yorker Dragqueen Amanda Lepore zeigt.
Foto: Paulus Ponizak

BerlinIm Rechtsstaat gilt bekanntlich die Unschuldsvermutung. Genauso gilt es, den Namen eines oder einer Beschuldigten nicht zu nennen, solange es dafür offiziell kein grünes Licht gibt. Denn was, wenn der oder diejenige es doch nicht war? Der strafrechtliche Fall, um den es sich hier handelt, hat Ausmaße in Millionenhöhe.

Es geht um Kunstbetrug, um sehr teure, um Kunst der Spitzenklasse. Und es geht um Fälschung, nicht nur von Kunstwerken, sondern auch von Urkunden, die deren Echtheit bestätigen sollten. Ein anerkannter Galerist, so wurde am Wochenende bekannt, hatte im großen Stil gefälscht und betrogen. Sein Name wurde nicht genannt. Wir berichteten gestern in dieser Zeitung. Die Verfasserin hatte eine Vermutung, die sich jetzt bestätigt hat: Es ist der Galerist Michael Schultz.

Galerist Michael Schultz: In seinen Galerieräumen fand sich die Sammler-Prominenz ein

Die Eckdaten hatten für sich gesprochen: Der Kunsthändler, 67 Jahre alt, betreibe Dependancen im Ausland und rühme sich, mit Werken von Künstlern wie Georg Baselitz und Gerhard Richter zu handeln. Die Zahl der Galeristen dieses Kalibers ist überschaubar. Bei Michael Schultz aber handelt es sich um ein Urgestein der lokalen Kunstszene, noch aus West-Berliner Zeiten. 1986 hatte der 1951 in Freudenstadt im Schwarzwald geborene, recht korpulente Kunsthändler seine Galerie in Charlottenburg gegründet.

Und doch erschien es unglaublich, diesen widerborstig, bei Interview-Anfragen sehr kritisch, gar trotzig der hiesigen Szene gegenüber Auftretenden eines derart großangelegten Betruges zu verdächtigen. Diesem international und vor allem in Fernost vernetzten Akteur mit Ablegern in Peking und Seoul, der seinen Standort als eine der ersten Adressen für zeitgenössische Kunst etabliert hatte, dunkle Geschäfte zuzutrauen. Wo sich in seinen Galerieräumen und Hinterzimmern doch die Sammler-Prominenz aus Politik und Wirtschaft für so manchen Kunstkauf und zum Zuprosten einfand.

Michael Schultz: Leere Galerie in Charlottenburg

Im Nachhinein erweist sich nun auch die Skepsis, die bei so manchem Besuch in der Galerie aufgekommen war, als begründet. So hatte Michael Schultz Seriendrucke von Andy Warhol mit dem Konterfei der Marilyn Monroe als Sensation angepriesen und ausgestellt – angeblich jüngste Entdeckungen von Erstdrucken aus Warhols Werkstatt.

Der Fall

Die Staatsanwaltschaft

wirft Michael Schultz vor, in mehreren Fällen von Kunstbetrug dringend tatverdächtig zu sein. Wertlose Kunstwerke soll er mit gefälschten Zertifikaten für hohe Summen verkauft haben.

Dabei habe

es sich laut Ermittlern um klassische Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Skulpturen gehandelt. Heraus sticht eine Fälschung Gerhard Richters, 87, des höchstdotierten lebenden Künstlers.

Michael Schultz

habe das Gemälde an einen Sammler verkauft, das dieser später bei einem Auktionshaus einlieferte, um es weiterzuverkaufen. Bei der Prüfung des Bildes stellte das Archiv von Richter die Fälschung fest.

Weiteren Argwohn ließ nun am Wochenende auch der Blick auf die Homepage der Galerie hochkommen: Die „kommende Ausstellung“ war bereits am 8. Oktober beendet und auch die „aktuelle“ erwies sich als längst vergangen.

Der Versuch, den Galeristen zu erreichen, scheitert, unter der angegebenen Telefonnummer springt lediglich die Ansage: „Diese Nummer ist nicht vergeben“ an. Also hinfahren und vor Ort recherchieren. Denn obwohl die Galerie kurz vor der Art Week Anfang September angekündigt hatte, von ihrem angestammten Standort in der Mommsenstraße 34 an einen anderen Ort zu ziehen, ist laut Website dort am Sonnabend bis 14 Uhr geöffnet. Das Bild, das sich dann in der Mommsenstraße 34 zeigt, erschüttert – und bestätigt die Vermutung.

Michael Schultz: Vorwurf des langjährigen Betrugs

Denn der Blick durch die breiten Schaufenster ließ keine Zweifel offen: Gähnende Leere starrte die Besucherin an, keine Spur von Kunst, von Gemälden, Skulpturen, Drucken, von Warhol, Baselitz oder Gerhard Richter, mit dessen Gemälden er ja auch den koreanischen Kunstmarkt bedient hatte. Nun also nur grauer Estrich, weiße Wände und aus der Decke hängende Kabel. An den Scheiben kleben Zettel mit dem Kontakt zu einem Maklerbüro zwecks Vermietung.

Ist das das klägliche Ende eines über so viele Jahre erfolgreichen Star-Galeristen? Nachfragen in der Galerieszene erwiesen sich als nicht ergiebig. Man hielt sich bedeckt. Zu Recht, falscher Verdächtigungen wollte sich niemand schuldig machen. Um falsch und Fälschung geht es nun aber im Fall des Michael Schultz. Vorgeworfen wird dem Kunsthändler zudem langjähriger Betrug mit bereits bezahlten und nicht gelieferten Kunstwerken im großen Stil.

Vorwürfe gegen Galerist Michael Schultz: Noch gilt die Unschuldsvermutung

Bereits seit August wird gegen ihn ermittelt. Ende letzter Woche wurde er mit Haftbefehl vor den Haftrichter geführt – wegen Fluchtgefahr, dann aber aus gesundheitlichen Gründen verschont und auf freien Fuß gesetzt. Schon 2015 war Schultz ins Visier der Behörden geraten, musste sich wegen Unterschlagung verantworten. Angesichts dieses Skandals wegen einer Bagatelle: Er hatte einem Kunsthändler 35.000 Euro geliehen und als Pfand ein Bild von Gerhard Richter bekommen. Als der Gepfändete nicht fristgerecht zahlte, verkaufte Schultz das Bild weiter – für 300.000 Euro.

Das Richter-Bild aber gehörte der Gattin des Schuldners, die mit Strafanzeige drohte, wogegen Schultz behauptete, das Werk sei aus seiner Galerie „verschwunden“. Das Bild wurde sichergestellt und der Besitzerin zurückgegeben, das Verfahren gegen 15.000 Euro Strafe eingestellt. Welches Strafmaß ihn nun erwartet, wird sich erweisen. Diesmal wurden fünf Privat- und Geschäftsadressen in Berlin und zwei in Brandenburg durchsucht und Vermögenswerte sichergestellt. Noch gilt die Unschuldsvermutung.