Mitglied des Gray-Voice-Ensembles mit corona-gerechter Kopfbedeckung
Foto: Tanznacht/Dieter Hartwig

BerlinMein Animal Companion ist ein Hund. Nehme ich an, denn Alice Heyward bleibt unverbrüchlich an meiner Seite. Nah und doch auf Abstand, Augenkontakt vermeidend. Sobald ich stoppe, bleibt sie stehen, verweile ich länger, setzt oder legt sie sich. Gemeinsam streifen wir durch die Ausstellung „Vertigo“ in den Uferstudios.

Die „Tierbegleiter“ sind eines der Kunstwerke, erdacht von Hana Lee Erdman. Und die Ausstellung, kuratiert von Jacopo Lanteri und Julian Weber, ist Teil der Tanznacht Berlin. Eigentlich ein biennales Best-of-Festival der Berliner Tanzszene, hat Covid-19 die Pläne für die diesjährige Ausgabe pulverisiert. Zu Jahresbeginn stand das Programm fest. Und musste komplett neu gedacht werden. Bis kurz vor der Eröffnung war unklar, wie die Tanznacht 2020 stattfinden kann. Möglich ist dann sogar eine Performance im Innenraum.

Displacement, Verlagerung, ist das Motto – vorausschauend gedacht vor einem Dreivierteljahr. Wer fühlt sich derzeit nicht auf schwankendem Grund? Und „Vertigo“, Schwindel, hat die gesamte Gesellschaft erfasst. Konkret meinen die Kuratoren die Umwandlung von Performances in Kunstwerke – eine Ausstellung war schon vor Corona geplant, denn die Verbindung zwischen Tanz und bildender Kunst ist eng.

Überzeugend funktioniert diese Verschiebung im Falle von „when it lands will my eyes be closed or open?“. Roger Sala Reyner steht in einer Ecke des Ausstellungsraums, den Blick ins Nirgendwo gerichtet, in gleißend weißem Licht. Starr ist seine Haltung, aus seinen Augen läuft klebrige Flüssigkeit. Bewegungslos bis auf ein leichtes Tasten der Finger und Hände, vereint diese Figur existenzielle Verletzlichkeit mit einer widerständigen Kraft wie sie der „Standing Man“ von Erdem Gündüz auf dem Istanbuler Taksim-Platz verkörperte. Eine starke Arbeit. Kryptisch bleibt vieles andere. Und mein Animal Companion verabschiedet sich wortlos.

Am Eröffnungsabend geht es auf dem Hof weiter, mit der Chor-Performance „Fa Li“ des Gray-Voice-Ensembles. Malerisch im hoch wuchernden Garten des Uferstudio-Geländes verteilt, sing-sprechen die abstandsgerecht mit ausladenden Kopfbedeckungen versehenen dreißig Laien-Performer Text in Chinesisch, Englisch, Russisch, Italienisch. Nur in Fetzen verständlich, aber atmosphärisch ist ihre Aufführung im Abendlicht. Danach wagt sich eine kleine Publikumsgruppe in einen geschlossenen Raum, zu „Consul und Meshie“ von Antonia Baehr und Latifa Laâbissi. Kategorisierungen herausfordernd, erkunden die beiden, was Tier und Mensch verbindet. Mit äffischem Haarkranz ums Gesicht und grotesk aus dem Body Stocking hängenden Brüsten, agieren sie mit der indifferenten Gelassenheit von Tieren – die Memory spielen, sticken und sich philosophische Gedanken über Zwischenmenschliches machen. Getier, wie wir.

Tanznacht Berlin, bis 13. September 2020. Restkarten über http://tanznachtberlin.de