Berlin - Die Patentante übernahm an diesem Sonntagnachmittag, es war der 17. April 2005, die kleine Tochter, denn wir wollten dabei sein, wenn eine Ära zu Ende ging: bei der allerletzten Party im Tresor an der Leipziger Straße. Die Sonne schien, verstrahlte Menschen gingen durch den Garten, ich traf D., einen alten Freund, und natürlich mussten wir nochmal runter in den unterirdischen Tresorraum des Wertheim-Kaufhauses, das sich hier bis zum Zweiten Weltkrieg befand.

Dimitri Hegemann hatte ihn zusammen mit ein paar Freunden 14 Jahre zuvor entdeckt. Nirgendwo passte die rohe Techno-Musik besser hin, als in diese niedrigen Räume mit den  unverputzten Wänden, den rostigen Schließfächern. Nirgendwo konnte man im Jahr 2005 besser spüren, wie anarchisch-rau und gewagt diese Kultur einmal gewesen war.

Aus dem Club kam immer noch Musik

Heiß wurde es einem hier schnell, der Schweiß der Tänzer schlug sich manchmal sogar an der Decke nieder und tropfte wieder auf sie herunter. Und so  wird es hier gewesen sein, dass mir mein Fahrradschlüssel abhanden kam. Denn die Jacke, in der ich ihn aufbewahrte, warf ich bald in eine Ecke. Erst als wir am Abend aufbrachen, bemerkte ich den Verlust. Und weil ich das Rad draußen am Zaun angeschlossen hatte, konnte ich es nicht ins Taxi laden. Also kam ich tags darauf mit einem Bolzenschneider zurück, die Tochter im Schlepptau. Es war Montag, früher Nachmittag, doch aus dem Club kam immer noch Musik. Wie gut, dass ich meinen Stempel noch nicht abgewaschen hatte! Die Türsteher ließen mich hinein und auch die Zweijährige. Es herrschte offenbar Ausnahmezustand.

Immer noch standen die Leute auf der Tanzfläche

Auch drinnen wunderte sich keiner, und so wagte ich mich mit ihr schnell die steile Treppe in den Keller hinunter, in das Heiligtum, das nun bald Geschichte sein würde. Ich muss  zugeben, dass dem Kind dort nicht ganz wohl war. Zu laut, zu dunkel. Trotzdem: Ich war erfüllt von euphorischer Dankbarkeit für meine Schusseligkeit. Jedenfalls landeten wir schnell wieder oben, dort war es heller, die Musik nicht so brutal. Jetzt noch standen Leute auf der Tanzfläche.

Es war immer schwer, bei diesen Partys das Ende zu finden, aber vielleicht nie so schwer wie an diesem Tag. Dimitri Hegemann  ergriff schließlich die Initiative. Er schob eine CD ein, spielte ein Stück, nahm sie wieder heraus und – überreichte sie meiner Tochter: „Für den Nachwuchs.“ Dann war Schluss, und wir waren dabei. An diesem Wochenende feiert der Tresor in seinem neuen Domizil an der Köpenicker Straße den 25. Geburtstag.