Das begegnet einem heute ja auch nicht mehr häufig, dass Techno-Partys mit Adorno-Zitaten angekündigt werden sowie in der radikalen Kleinschreibung der ersten RAF-Generation: „sechs jahre oder noch länger schweben wir in diesem momentum, retardierend, prolongierend, substituierend. und so geht es stipp, stopp, weiter, immer weiter (…) erst mal nur sechs richtige im falschen – zusatzzahl blank“.

So lesen wir in der Programmschrift zu „let’s ://talk about six“, der dreitägigen Feier zum sechsten Geburtstag des ://about blank. In dem selbstverwalteten Klub am Ostkreuz wird seit Freitagnachmittag und noch bis zum Montagmorgen die zweifellos ambitionierteste Party gefeiert, die Berlin an diesem Wochenende zu bieten hat, mit DJ-Sets unter anderem von Call Super und Paula Temple und Konzerten von der fabelhaften Hamburger Soulsängerin Sophia Kennedy und dem Konzeptfricklerteam Sky Walking.

Keine Lust mehr auf Hausbesetzungen

Sechs Jahre: Das ist in Berlin inzwischen eine beachtliche Zeit für einen Klub in einem zwischengenutzten Gebäude; und noch beachtlicher für einen, der nicht auf konventionelle Weise geleitet wird, sondern von einem Kollektiv gleichberechtigter Mitglieder. Deswegen – weil keiner für die anderen sprechen und der Klub nicht personalisiert werden soll – pflegt das ://about blank auch keine Interviews zu geben; für mich haben sie zur Feier des Tages netterweise mal eine Ausnahme gemacht.

Zusammengekommen sind die Leute, die den Klub heute betreiben, in der linken Szene der späten Neunziger- und frühen Nullerjahre. Sie kennen sich aus Hausprojekten, autonomen Kaffeekollektiven oder politischen Initiativen wie den antirassistischen Grenzcamps. Aus einer großen offenen Gruppe, die in einem leerstehenden Laden an der Jannowitzbrücke einen Projektraum einrichten wollte, entwickelte sich – nach dem Scheitern des Plans – ein elfköpfiges Klubkollektiv, das auf die Suche nach einem zwischennutzbaren Gebäude ging.

Schließlich stieß es auf einen seit Mitte der Neunzigerjahre leerstehenden Kindergarten am Markgrafendamm – ein reizvolles, aber rundum ruinöses Haus ohne funktionierende Leitungen, mit zerschlagenen Fenstern, zum Teil ausgebrannt. So machte man sich kollektiv ans Renovieren – nicht jedoch, ohne mit dem Bezirk zuvor einen Mietvertrag auszuhandeln, „inklusive Business Plan“, wie die Betreiber sagen. Warum eigentlich? Hätten sie das Gebäude nicht auch einfach besetzen können? „Nein, mit Häuserbesetzen waren wir die zehn Jahre zuvor beschäftigt, das reichte.“ Nun sei es darum gegangen, etwas Längerfristiges auf die Beine zu stellen.

Club bleibt von Touristen verschont

Diese Mischung aus Idealismus und Pragmatismus ist für das ://about blank generell typisch: Die kollektiven Strukturen – „am Anfang hatten wir zwei Mal die Woche Plenum!“ – scheinen einem professionellen Klubmanagement nicht im Wege zu stehen. Auch gibt es keinen Widerspruch zwischen politischem Aktivismus und gut ausgewähltem DJ-Programm. Was nicht selbstverständlich ist: Bis Ende der Neunziger zeichnete die linke Subkultur sich nicht zuletzt durch ihren konservativ-scheußlichen Musikgeschmack aus.

„Ja“, sagen die Betreiber des ://about blank, „daran können wir uns auch erinnern, dass man unter Autonomen nur Punkrock hören durfte. Das änderte sich eigentlich erst mit den Grenzcamps und der jungen Generation, die dort protestierte, und mit politisch bewegten Festivals wie dem Fusion.“

Heute tanzt man im ://about blank froh auf Partys, die zum Beispiel „Love Techno Hate Germany“ heißen und ihre Einnahmen an Flüchtlingsinitiativen spenden. Das Publikum besteht großteils aus immer wiederkehrenden Gästen, „es gibt für jede unserer Reihen ein Stammpublikum, das genau weiß, welche Musik es erwartet.“ Insofern habe sich die Randlage des Klubs in Friedrichshain abseits der Partymeilen sogar als Vorteil erwiesen: Von touristischer Laufkundschaft bleibe man bis heute weithin verschont und auch von Besoffenen, die von Klub zu Klub schwanken und Ärger machen; „wir haben hier kaum Probleme mit Honks vor der Tür!“

Antiautoritäres Kollektiv mit restriktiver Einlasspolitik

Drinnen im Klub schon gar nicht, weil das ://about blank – ähnlich wie Berghain und Bar25 samt Nachfolgeläden – eine restriktive Einlasspolitik betreibt. Wie findet man als antiautoritäres Kollektiv eigentlich die richtigen Türsteher? „Auch ein Glücksfall, gleich zur Eröffnung kamen wir an eine Antifa-Tür-Connection. Die ist immer noch da und organisiert sich auch selbst, es gibt bei uns also ein Klubkollektiv und ein Türkollektiv.“

So vervielfachen sich die Kollektive, und das nicht nur am Ostkreuz. Die Zahl selbstverwalteter Technoklubs wächst: Das viel gefeierte Institut für Zukunft in Leipzig nannte bei seiner Gründung vor zwei Jahren das ://about blank als Vorbild; an der Storkower Straße in Lichtenberg gibt es seit einem Jahr das kollektiv organisierte Mensch Meier.

Das ://about blank selbst hat einen Mietvertrag bis 2020; falls der Bau der Stadtautobahn weiter so lahmt, sind auch fünf Jahre mehr drin. Dann aber ist unweigerlich Schluss, und das sei nicht schlimm so: „Kollektive Strukturen sind langfristig immer zum Scheitern verurteilt, man kann darauf keine Existenzen aufbauen“, sagt einer von den Betreibern, „und wenn der Laden eines Tages vergeht – irgendetwas wird auf jeden Fall bleiben.“