Berlin - Da lacht das Spielbudengesicht über die ganze Bühnenbreite des BE – lustig, natürlich, und eiskalt. Genau besehen bezeugt nur die dicht bestückte Oberzahnreihe das Lachmaul, dessen bleckende Beißer eigentlich für zwei Münder reichen. So halbseitig aber kann sich unter ihnen ein gleißend rauchiger Höllenschlund auftun, in den die fröhliche „Felix Krull“-Gesellschaft am Ende dieses zirzensischen kleinen Premierenabends unbeschadet einzieht.

Es ist eine bestürzend munter vor sich hin brabbelnde Sippe, in die der Autor und Regisseur Alexander Eisenach seine Saisoneröffnung der altehrwürdigen Bühne am Schiffbauerdamm zusammenzieht. Und im Grunde verkörpert ihr unbeschwertes Kirmes-Kabarett in seiner alles um-, aber nichts wirklich angreifenden Fischigkeit nicht nur das, was Thomas Mann vor gut hundert Jahren in seinem „Vorzugskind des Himmels“, dem Hochstapler Felix Krull, als Künstlerparodie seiner Selbst konzipierte.

Sie zeigt auch das, wofür das BE im dritten Jahr der Intendanz von Oliver Reese steht: Mit Aplomb versucht es immer wieder Gegenwart zu seinem Programm zu machen und bleibt doch allzu oft im Konzept dieses Willens stecken. Oder wie hier: in seiner literarisch-historischen Vorlage.

Thomas-Mann-Welt wird auf nur drei Klusterfiguren reduziert 

Dieses Mal nun ist es das schwülstig-distinguierte Künstlermilieu Thomas Manns und seine eigentlich zeitlose Hochstapler-Figur, der sich Alexander Eisenach in dieser Spielzeit ausführlich widmen will und für Dezember ein weiteres eigenes Hochstapler-Stück ankündigt. Manns Original muss zu Beginn nun das Terrain abstecken, wobei keine bloße Romanadaption herausgekommen ist, viel eher eine Aktualisierungsübung. Was in vordemokratischen Zeiten – Mann begann die „Bekenntnisse“ um 1906 – die feine Gesellschaft und ihre Hierarchie-gesteuerte Ideal-Verehrung an der Geschmeidigkeit des „Kostümkopfes“ Felix so magisch anzog, will nun in die konsumistisch normierten Untiefen digitaler Smiley- und Like-Kultur überführt werden.

Eisenach versucht das, indem er die Thomas-Mann-Welt auf nur drei Klusterfiguren radikal reduziert und ihnen ein vom Bühnenrand her kommentierendes Clownspaar aus dem Heute zur Seite stellt. Gut ausgeklügelt funktioniert das auf der Bühne allerdings kaum, denn die Patchwork-Figuren finden aus ihrer papierenen Gestaltlosigkeit in kein Spiel.

Martin Rentzsch darf als dilettierender Maler Schimmelpreester sowie sämtliche Krull-Chefs, Direktoren und Professoren den patriarchalischen Idealisten, geben und Constanze Becker steuert als langbeinige SM-Domina die dämonisch-engelsgleiche Geliebte Madame Houpflé sowie die Trapezartistin Andromache bei. Im grotesken Slapstick mit Marc Oliver Schulze als gutmütiger Felix erturnen sich diese drei einige amüsante Momente, doch bleibt es im Ganzen zu hölzern, unvirtuos. 

Besonders die bemüht schnoddrigen Gegenwartslieferanten Sina Martens und Jonathan Kempf von jenseits der vierten Wand verfangen sich mit ihrem Diskurs-Auftrag eher im Sesamstraßen-Klamauk, als dass sie die Sophistik heutiger Instagram-Profilsucht problembewusst einspeisten. Und Marc Oliver Schulze, neu am BE, macht als imitierender Violinist im Frack oder Kloinstallateur im Blaumann zu all dem eine immer charmant chaplineske Miene.

Container hilft aus: Bühne des Gorki-Theaters muss saniert werden 

Leider muss auch er weitgehend blass bleiben, weil hier selbstredend nicht Krulls individuelle Besonderheit als Motor der Hochstapelei gefeiert wird, sondern die Sensationsgier der Maschine Gesellschaft. Gut gemeint ist das und doch in seiner gezirkelten Halbheit eher gescheitert.

Dass es mehr Mut braucht, um aus einem klassischen Text einen heutigen zu machen und aus einem kleinen Abend einen großen, war am zweiten Tag des Eröffnungswochenendes im Gorki-Theater zu erleben. Eigentlich kann man darüber nur staunen. Denn auch im siebten Jahr ihrer Intendanz schaffen es Shermin Langhoff und Jens Hillje immer noch mühelos, einen Esprit und eine lebendig-engagierte Relevanzstimmung in dem kleinen Haus am Festungsgraben zu entfalten, dass es eine Freude ist.

Notwendig gewordene Engpässe wie die überfällige Sanierung der großen Bühne und des Studios wenden sie kurzerhand in eine Zeit der Möglichkeiten um und laden für zwei Spielzeiten nun, wenn die Bühnen geschlossen werden müssen, in einen 22 Meter langen, 12 Meter breiten Container auf dem Theatervorplatz zum Theater.

Außen mausgrau, überrascht der hohe, luftige Raum im Innern: eine Wunderkiste, der kaum eine gelungenere kleine Eröffnung bereitet werden konnte als die Clownsnummer, die Sebastian Nübling und das 7-köpfige Exilensemble des Gorki nun aus Heiner Müllers 12-zeiligem „Herzstück“ machten.

Im Grunde sind auch diese sieben Clowns eine ganze Handvoll Felix Krulls. Nur anders als im gediegenen BE brauchen sie keine Mann’schen Satzgirlanden und veralteten Kunstdiskurse, um in knappe achtzig Spielminuten ein strukturell ausgreifendes wie menschlich ergreifendes Denkspiel um Schein und Sein, große Erwartungen und kleine Realitäten, echte und falsche Hoffnungen aufzuziehen und wie sich beides fruchtbar miteinander verbindet.

Energiegeladene Bewegungen

Müllers „Herzstück“, das in denkbar knappster Form die schöne paradoxe Verbindung von Buchstabe und Bedeutung, Materie und Geist, Technik und Wirkung auseinanderlegt, aus der nicht nur alle Kunst, sondern auch alles geglückte Zusammenleben entsteht, versammelt nur zwei Sprecher um ein Herz. Dem einen ist es Gefühlszentrum, dem anderen Ziegelstein, doch das wichtigste: Es schlägt für beide, steinern und ideell.

An diesem Abend im Gorki-Container schlägt das Müller-Herz zweifellos in sieben schillernden Farben, Materien und Spielweisen für diese sieben. Denn bevor sie überhaupt mit dem Müller-Text beginnen, obwohl eine blau kostümierte Clownin mit neckischem Gamsbart-Haarzopf auf dem Kopf die „Heiner – Bäng – Müller-Show“ zigfach und in jeder nur denkbaren Animationskunst ankündigt, kämpfen hier alle in erster Linie mit der Schwerkraft der Bühne selbst, mit der Technik, ihrer eigenen Angst, den vermeintlichen Erwartungen der Zuschauer, den Lasten ihres eigenen Lebens und der Vergeblichkeit ihrer Kunst überhaupt.

Das sagt sich so dahin, aber für all das finden die sieben wunderbar chaotische, auch alberne, aber immer glaubhafte, energiegeladene Bewegungen: Dem rosa Clown gehen Ideen ab, weshalb er nur gefällige Diener macht, die kleine Pinke hat so viel Angst, dass sie nur aus dem Türrahmen schielt und bald an den Beinen auf die Bühne gezogen wird, und die schwarz Gewandete – sie outet sich als Österreicherin – schleicht nur noch als deprimierte Mumie durch die Szenerie „we are so fucked up!“. Natürlich sind sie das nicht und der Jubel ist am Ende groß.

Gorki-Container, bis 21.8., 20 Uhr, Tel: 20221115,

Berliner Ensemble wieder 23.8., 19.30 Uhr,

Tel: 28408155