Mit viel Nebel, Brahms- und Beethoven-Klängen, aber auch einem längeren ordentlich lauten Techno-Zwischenspiel ist das 54. Berliner Theatertreffen am Sonnabend in Berlin zu Ende gegangen. Einmal mehr hat dieses von Jahr zu Jahr bunter werdende Festival damit seinen Ruf bestätigt, nicht nur die zehn bemerkenswertesten, sondern auch die putzigsten Inszenierungen des Jahres zu präsentieren.

Denn dieser in Bern entstandene und von Ersan Mondtag nach einem Text von Olga Bach erfundene Abend hat sich zwar ein schillerndes Kleid übergeworfen, dabei jedoch als bestürzend belangloses Herumstochern im Zeitgeistnebel erwiesen. Der Inszenierung gelingt so aber immerhin der aufschlussreiche Nachweis, dass man sich zwar ausgiebig bei der Computerspielästhetik, dem Pop-Sprech und hippen Diskursschnipseln bedienen kann und dennoch das vermuffte Denken der 50er Jahre zu reproduzieren vermag.

Leiden an der Leere

Dabei schaut diese Veranstaltung ja einschüchternd fesch aus. Es treten vier Schauspielmenschen in lustig bemalten Ganzkörperanzügen auf, es wird maschinenmäßig herumgetippelt, auf einer Schaukel geturnt, stumm geschlechtsverkehrt und zu Beginn in einem (natürlich nebelumwallten) Heiligenschrein aufgetreten. Zwei Bäume stehen nebst allerlei Büschen, zwei Wildsäuen (ausgestopft), zwei Statuen (weiß) und einer Büste (mit Brille) auf der Bühne, ein Teich ist angelegt, dazu hübsche Licht-Effekte und viel Musik.

Schnell sieht der Zuschauer, dass die vorgeführten Figuren an der sogenannten Leere leiden, schnell hört er es auch, weil die vier Textträger unentwegt veröffentlichen, was sie denken. Dass es allerlei stammtischwürdige Halbgedanken über Freiheit und Gesellschaftszerfall sind und immerfort die angebliche Sinnlosigkeit ihres Daseins beklagen, will das Gegenwartsbild einer Generation sein, die sich als zukunftslos und verfangen in Narzissmus erfährt. Das mag so sein, obwohl auch diese Diagnose bereits reichlich kurzatmig ist. Aber dass hier einmal mehr die These wiedergekäut wird, die terroristischen Gelüste erwüchsen geradewegs aus Gefühlen und Lebenslagen der Langeweile, lässt an der intellektuellen Substanz dieser einfältigen Inszenierung gehörig zweifeln. Gar so schlicht lassen sich die politischen Verhältnisse jedenfalls dann doch nicht fassen.

Simple Abschilderungsästhetik

Putzig wird der Abend aber vor allem, weil er allen Ernstes gesellschaftsanalytische Ansprüche erhebt. Er führt jedoch nirgends über seine schlampig zusammengesammelten Befindlichkeitsschnipsel hinaus. In altväterlich säuerlichem Belehrungsmodus will dieses Theater dem Betrachter die Augen öffnen – und verheddert sich in einer simplen Abschilderungsästhetik, wiederholt und spiegelt lediglich, was es zu durchdringen vorgibt. Das erbringt deprimierend belanglose anderthalb Stunden. Dafür dass Ersan Mondtag nach seiner letztjährigen Einladung zum Theatertreffen als die neue Bühnenhoffnung gehandelt wird, und er sich selbst auch in berückendem Selbstbewusstsein so selbst vermarktet, ist dies eine bemerkenswert ernüchternde Diagnose: So viel nichtssagende Behauptungskunst ist wirklich selten. Damit aber passt dieser Abend gut in die diesjährige Auswahl des Theatertreffens.

Man hatte mitunter ohnehin den Eindruck, dass es der auswählenden Jury schon genügte, eine Inszenierung als bemerkenswert zu erachten, wenn sie die Illusion des Neuen und formal Auffälligen bediente. Es gab allerlei Abende, die formmäßig gesehen dicke Backen machten, aber inhaltlich eher heiße Luft produzierten, von der Dortmunder „Borderline-Prozession“ bis zu eben dieser Berner „Vernichtung“.

Es gab gottlob aber auch aufschlussreich streitbare Abende wie „Five Easy Pieces“ von Milo Rau etwa oder Ulrich Rasches Münchner „Räuber“-Inszenierung, die aus technischen Gründen bedauerlicherweise nicht gezeigt werden konnte, aber zumindest der filmischen Aufnahme nach ein erfahrungsdichter Abend zu sein scheint.

Theater auf der Super-Plattform

In Ersan Mondtags „Vernichtung“ heißt es übrigens einmal, alles müsse sich ändern. Alles nicht, aber dass auch das Theatertreffen sich wandeln muss, gehört längst zu seinem Selbstverständnis. Es sucht derzeit sein Glück in der schieren Masse. Mit „Shifting Perspectives“ gab es dieses Jahr ein Festival im Festival, daneben eine Konferenz, allerlei zusätzliche Performances, Podien, Interventionen, Gastspiele und der Stückemarkt, der sich im engeren Sinne politischen Stoffen verschrieben hat, seitdem die Bundeszentrale für politische Bildung Geldgeber ist.

Das Theatertreffen-Programm ist inzwischen derart vollgestopft, dass sich die einzelnen Formate und Veranstaltungen gegenseitig die Relevanz (und auch das Publikum) abgraben. Der Theaterbetrieb tritt damit als allzuständige Super-Plattform auf. Dass er so mitunter als Dilettant auf fernem Terrain herumtapst, hat zumindest den Vorteil, damit die eigene, enge Blase zu verlassen. Es hat allerdings auch den Nachteil, mehr Nebel als nachhaltig Gehaltvolles zu produzieren.